Im Dialog mit dem Leben

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        Dasein heisst: Im atmenden Austausch mit der gegenwärtigen Lebenssituation sein.

        Alfried Längle







        In diesem Essay erläutere ich anhand eines einfachen Beispiels die Existenzanalyse und ihren praktischen Nutzen für die Bewältigung persönlicher Herausforderungen. Es handelt sich hierbei um eine weitere Landkarte, die der Navigation durchs Leben dient. Wenn diese persönliche Skizze nebenbei auch noch den Appetit auf die Lektüre der Bücher von Viktor Frankl und Alfried Längle anregt, würde mich das freuen, denn meiner Meinung nach hat die Existenzanalyse aufgrund ihrer Tiefe des Verstehens, das sie ermöglicht, und ihrer Bedeutung für die Entwicklung unserer Menschlichkeit noch sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Verbreitung verdient.


        In meinem letzten Beitrag "Dialog und Resonanz" habe ich eine grundlegende Landkarte zwischenmenschlicher Kommunikation vorgestellt - basierend auf dem Resonanzbegriff von Hartmut Rosa. Dabei wies ich auf die Möglichkeit hin, in diese Landkarte hinein zu zoomen, ähnlich wie dies heutzutage dank digitaler Technik bei geografischen Landkarten möglich ist, um jenen Auflösungsgrad zu erreichen, den wir für unsere Orientierung benötigen.

        An dieser Stelle will ich genau das tun: Ich zoome hinein und nehme die einzelne Person unter die Lupe. Während ich im vorherigen Essay den inneren und äusseren Dialog in der Interaktion mit einer zweiten Person beschrieben habe, betrachte ich nun die einzelne Person im Dialog mit dem Leben - und zwar aus Sicht der Existenzanalyse nach Viktor Frankl und Alfried Längle.

        So wie die Raumzeit-Koordinaten meiner Orientierung im physikalischen Raum dienen ('Wo genau befinde ich mich zu welchem Zeitpunkt?'), dienen mir die existentiellen Dimensionen der Orientierung in meiner aktuellen Lebenssituation ('wie bin ich gerade im Leben unterwegs?').

        In einem früheren Essay ("End-lich leben und falls ja: wozu?" ) bin ich bereits auf die Existenzanalyse nach Viktor Frankl eingegangen und habe hierbei die drei Wege zum Sinn vorgestellt. Viktor Frankl (1905-1997) war ein Psychiater, der aufgrund seines jüdischen Glaubens von den Nazis verfolgt und zuletzt im Konzentrationslager Ausschwitz interniert worden war. Für ihn ist der 'Wille zum Sinn' ein zutiefst menschliches Motiv des Menschen und ein zentraler Aspekt seines Menschenbildes, das seiner Logotherapie zugrunde liegt. Leiden ist für ihn häufig auch ein Leiden an der Sinnlosigkeit.

        Alfried Längle, ein langjähriger Schüler von Viktor Frankl, hat dessen existenzielle Sichtweise weiter entwickelt und nennt sie 'personale Existenzanalyse'. Ein wesentlicher Bestandteil seiner Theorie ist die Formulierung der vier existentiellen Dimensionen, die ich sehr hilfreich finde, um mir in einer gegebenen Situation klar zu werden, wie ich mit einer konkreten Herausforderung selbstverantwortlich umgehen will und wie ich hierfür das ganze Potential meiner persönlichen Kraft einsetzen kann. Kurzum: es geht um die Frage, wie ich mein Bestes im Sinne meiner Werte geben kann.

        Was sind nun die vier existentiellen Dimensionen?

        Beginnen wir mit einem einfachen Szenario:

        Ich laufe durch den Park, geniesse die Vorboten des Frühlings: Vogelgezwitscher in der Luft, klares Sonnenlicht, das ungehindert durch noch kahle Baumkronen fällt, hier und dort eine lilagelbe Krokusblüte, wenige Schritte entfernt ein Strauch, dessen Zweige bereits pralle Knospen zieren. Ich atme tief durch, entspanne mich, - bis mir ein metallischer Glitzer jäh ins Auge sticht: Ich sehe eine verbeulte Aluminiumdose vor mir auf der Wiese liegen.

        'Haben wir nicht schon genug Müll auf dieser Welt, müssen wir ihn auch noch so achtlos herumliegen lassen ...' . Eine Welle empörter Gedanken ergiesst sich in mein eben noch so friedliches Gemüt, während mein Blick umherschweift und an einer Gruppe Jugendlicher hängen bleibt, die mit ausgelassenem Lachen dem Zwitschern der Vögel Paroli bieten. Nicht nur das. Auf einem Haufen neben ihnen liegen weitere leere Dosen, daneben auch zerknüllte Plastiktüten, eine aufgerissene Sixpack-Verpackung und was weiss ich noch alles. Ich meine, ich war ja selbst mal jung - aber so? Meine Frühlingslaune ist dahin, mein Blutdruck vermutlich schon am Steigen. Und jetzt? Was tun?

        Die Grundannahme der Existenzanalyse lautet: Wir sind in jedem Moment in eine Situation gestellt, die uns als Mensch anspricht, fordert und bedingt.



        Diese Situation kann einladend sein, wie in meinem Beispiel zu Beginn: 'Frühling im Park' - mein Herz geht auf, ich fühle mich eingeladen, einfach zu sein und zu geniessen.




        Drei Wege zum Sinn

        Der erste Weg zum Sinn eröffnet sich mir: Der Sinn des Lebens erfüllt sich mir im Geniessen dessen, was mein Herz erfreut. In der Existenzanalyse sprechen wir von Erlebniswerten. Durch die Resonanz meiner Werte mit dem, was ich erlebe, fühle ich mich eingeladen, zu geniessen. In unserem Beispiel: das Zwitschern der Vögel, das erste zarte Grün im Park, die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ist das Leben nicht einfach schön?

        Ja, mitunter schon. Es kann aber ganz schnell auch herausfordernd sein:



        Müll liegt herum. Muss das sein? Schon trübt sich meine Stimmung ein. Und dort - die vermeintlichen Verursacher dieser Störung. Was tun?

        Damit eröffnet sich mir der zweite Weg zum Sinn: Einer meiner Werte - etwas, das mir am Herzen liegt - ist bedroht. Der Park wäre ohne diesen achtlos weggeworfenen Müll viel schöner. Ich bin durch diese Herausforderung nun nicht zum Geniessen, sondern zum Handeln eingeladen, eingeladen zu handeln, damit die Welt im Sinne meiner Werte etwas besser und schöner wird, als ich sie vorfinde.

        In der Sprache der Existenzanalyse sprechen wir jetzt von schöpferischen Werten. Meine Werte motivieren mich, etwas zu verändern, zu erschaffen, in die Welt zu bringen: es wäre jetzt sinnvoll, gegen diesen Müll etwas zu tun. Aber was? Die vermeintlichen Verursacher zur Rechenschaft ziehen und auffordern, die Spuren ihres Seins umgehend zu beseitigen? Kommentarlos einfach die Bierdose aufheben und bei nächster Gelegenheit entsorgen? Oder einfach meine Einstellung ändern - z.B.: 'Diese Erfahrung jetzt ist doch ein wunderschönes Beispiel, das ich in meinem nächsten Essay verwenden kann, um die existenzanalytische Sicht auf das Leben zu erläutern - Auch wenn es erst einmal meine Frühlingsstimmung verdorben hat, so ist es in anderer Hinsicht doch gut, dass ich das gerade erlebe.'

        Mit der letzten Option habe ich mir die dritte Strasse zum Sinn erschlossen: Ich ändere nichts an der Welt, wie ich sie vorfinde, obwohl sie erst einmal eine Störung oder sogar gerade Leid verursacht, sondern ich ändere meine Einstellung zu dem, was mir widerfährt und kann meiner Erfahrung dadurch Sinn abringen. Dies ist auch ein schöpferischer Akt, jedoch keiner, mit dem ich etwas in meiner äusseren Welt verändere, sondern in meiner inneren Welt: ich ändere meine Haltung und Einstellung. In der Existenzanalyse sprechen wir von Einstellungswerten: Das Schmerzliche bekommt einen Sinn durch den Wert, den ich in der Erfahrung des Schmerzlichen entdecken kann.

        Wichtig ist hierbei zu bedenken, dass es sich bei einer wirksamen Einstellungsänderung immer um einen höchst individuellen und kreativen Akt handelt, der auch seine Zeit braucht. Es reicht also nicht, jemandem in einer misslichen Lage mit guten Ratschlägen zu kommen: 'Sieh es doch mal so ... hat mir damals auch geholfen.' Das wird von den Betroffenen schnell als Schönfärberei erlebt. Eine wahre Einstellungsänderung erwächst immer aus den eigenen Werten und wird buchstäblich im Dialog mit sich oder einem aufmerksamen Gesprächspartner gefunden und hat nicht selten die Qualität eines Aha-Erlebnisses: Mit einem Schlag sieht man die Situation in einem neuen Licht: Plötzlich finde ich einen Sinn in dem bisher als sinnlos Erlebten. Das Bild (eine schmerzliche Erfahrung) erhält einen sinngebenden Rahmen, ohne dass der Inhalt des Bildes verändert wird. Ein sehr eindrückliches und berührendes Beispiel aus dem Erfahrungsschatz von Viktor Frankl findet sich an dieser Stelle[1]: "End-lich leben und falls ja: wozu?" .

        Ich könnte noch weitere Ideen auf die Liste meiner Möglichkeiten setzen, wie ich auf die Dose im Park reagieren könnte, dies ist jedoch für die Erläuterung der vier existentiellen Dimensionen nicht weiter nötig. Wir müssen nur noch zuvor unser Bild mit einem zentralen Gedanken der Existenzanalyse ergänzen: Es ist die sogenannte existenzielle Wende.

        Existentielle Wende

        Die existentielle Wende bedeutet, dass ich nicht mehr frage: 'Was bietet mir das Leben?' . Statt dessen lasse ich mich vom Leben fragen: 'Was ist Deine persönliche Antwort auf das, was das Leben Dir gerade bietet?'



        Viktor Frankl hat diesen Perspektivwechsel in Anspielung auf die kopernikanische Wende so genannt. Zur Erinnerung: Als kopernikanische Wende bezeichnet man jene Wende in der Astronomie, die Kopernikus mit seiner Entdeckung einleitete, dass sich nicht die Sonne um die Erde (geozentrisches Weltbild), sondern diese sich um die Sonne dreht (heliozentrisches Kosmos-Modell).

        In diesem Sinne dreht sich das Leben nach Vollzug der existentiellen Wende nicht mehr um die Bedürfnisse des Menschen, sondern der Mensch richtet sich an den Erfordernissen des Lebens aus. Konkret bedeutet dies, dass der Mensch durch das Leben tagtäglich befragt wird: "Und, was ist Deine Antwort hierauf, und hierauf, und hierauf?"

        Somit wird der Mensch in einem ständigen Dialogprozess mit seinem Leben gesehen, in denen er nicht nur etwas über das Leben, sondern auch etwas über sich selbst lernt, sofern das Leben ihn vor neue Herausforderungen stellt, auf die er noch keine fertige Antwort hat.

        Der Mensch bringt sich durch sein Antwortgeben auf die Fragen des Lebens tagtäglich selbst auf die Welt - und wie er das macht, wie er auf die Bedingungen des Lebens reagiert, darin ist er grundsätzlich frei. Er ist frei, seine höchstpersönliche Antwort auf seine Lebensumstände zu finden, und diese Freiheit kann ihm niemand nehmen - denn selbst in äusserster Ohnmacht ist er immer noch darin frei, seine eigene Einstellung zu dem, was ihm widerfährt, zu wählen. Dies hat Viktor Frankl für sich selbst in seiner Zeit im Konzentrationslager erkannt und in seinem berühmten Buch: 'Trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager' eindrücklich beschrieben. [2].

        Zurück zu der Frage: Was tun im Park? Nun kommen die vier existentiellen Dimensionen ins Spiel, denn sie sind für mich eine hilfreiche Entscheidungshilfe, um aus meiner Liste der Möglichkeiten eine gesunde Auswahl zu treffen.



        Betrachten wir den ersten Punkt auf meiner Liste der Optionen: 'Die offensichtlichen Verursacher zur Rechenschaft ziehen und auffordern, die Spuren ihres Seins umgehend zu beseitigen.'

        Gut, kann man durchaus tun. Ist es klug, dass ich es tue? Das hängt davon ab, ob ich mir den zu erwartenden Widerstand zutraue. Habe ich eine Nahkampfausbildung, um mit besonderen Formen der Widerstands klarzukommen, den ich bei zwei der Jugendlichen zu erwarten habe, die inzwischen aufgestanden sind und miteinander ein paar klassische Schlagtechniken des Thaiboxens spielerisch üben? Falls nein, könnte es für mich ungesund werden.

        Damit kommen wir zur ersten existentiellen Dimension.



        Die erste Dimension lautet: 'Überleben, Sicher sein'. Aus dieser Dimension folgt die erste Grundmotivation: Ich will überleben, sicher sein.
        Die existentiellen Grundfragen, die zu dieser Dimension gehören, lauten:

        Kann ich sein? Bin ich sicher? Bin ich genügend geschützt und getragen? Aber auch: Beherrsche ich genügend Fertigkeiten (Können!), um in dieser Situation zu bestehen und zu überleben?

        Im Park entscheide ich mich gegen eine barsche Aufforderung, denn der Wert, unversehrt zu bleiben, liegt mir dann doch mehr am Herzen als die Zurechtweisung der mutmasslichen Übeltäter. Jedoch, ich könnte ja freundlich bitten - nicht nur als Trick, sondern weil ich es wirklich so meine - formuliert nach den Regeln der Gewaltfreien Kommunikation, so wie das Mädchen den Drachen gebeten hat, mit dem Singen aufzuhören (siehe hierzu auch mein Essay: "Über den Umgang mit singenden Drachen" ). Egal ob es um einfaches freundliches Bitten geht, die Kunst der gewaltfreien Kommunikation, oder die Kunst des Nahkampfs, in jedem Fall ist (handwerkliches) Können gefragt, wenn ich solch eine heikle Situation meistern will. David Carradine in der Rolles des Shaolin Mönches in der Kultserie 'Kung Fu' aus den Siebziger Jahren konnte all dies: Die Bösewichter freundlich bitten, und wenn sie sich trotzdem mit ihm anlegten, sich nach allen Regeln der asiatischen Kampfeskunst verteidigen und - wenn nötig - seine Widersacher elegant ausschalten. Doch Können alleine reicht nicht. Eine zweite existentielle Dimension ist erforderlich, um zu einer in meinem Sinne guten Entscheidung zu kommen.



        Die zweite Dimension lautet: 'Wertvoll leben', aus der die zweite Grundmotivation folgt: 'Ich will wertvoll leben' - nicht nur überleben.

        Das Leben wird für mich wertvoll durch Erleben von Nähe, Zuwendung, Liebe, durch Erlebnisse und Begegnungen, die mich ansprechen und berühren. Sobald ich jedoch aufmache, öffne ich mich zugleich potentiellem Leid. Jeder weiss das, der schon eine Trennung erlebt hat, die nur deshalb so sehr weh tut, weil man sich zuvor so sehr geöffnet hat. Das macht verletzlich. Der Schmerz ist die Kehrseite des sich Einlassens und Verbindens.

        Was macht mein Leben lebenswert, nährt mein Herz und lässt mich von Herzen 'Ja' zum Leben sagen? Liegt mir das Wohl meiner Mitmenschen am Herzen, schätze ich grundsätzlich den wertschätzenden Umgang auch in Auseinandersetzungen, wenn es gilt, verschiedene Interessen auszuhandeln? Wo und wie will ich im Kontakt mit anderen, mit dem Lebendigen sein? Das alles sind Fragen der zweiten existentiellen Dimension.

        Liegt mir jetzt im Park daran, auf faire Weise (Fairness ist ein Wert) einen Umgang miteinander zu finden? Sehe ich darin einen Wert, im Frieden voneinander zu lernen - selbst dann, wenn ich die Macht hätte, meine Interessen einfach gegen die Interessen der vermeintlichen Störenfriede durchzusetzen? Es geht also für mich in dieser Parksituation nicht nur um den Wert der schönen Natur, sondern auch um Fairness und um den Wert des Friedens. Wenn ich mir über meine Werte nicht im Klaren bin, laufe ich Gefahr, mir mit unüberlegtem Reagieren zu Gunsten einer meiner Werte ('schöne Natur') andere persönliche Werte zu vereiteln ('Fairness', 'Frieden').

        Innere Wertekonflikte hindern mich daran, meine ganze persönliche Kraft für mein Anliegen zu nutzen. Warum? Jeder persönliche Wert, der in einer konkreten Situation entweder angesprochen oder bedroht ist, wird zu einer Quelle der Motivation, zu handeln. Im Bild gesprochen: Meine Werte sind wie Pferde, die vor meine Kutsche gespannt sind und in eine Richtung streben. Wenn sie nicht alle in die gleiche Richtung ziehen, habe ich als Kutscher ein Problem: Im Park will eine Seite von mir empört die Jugendlichen zur Ordnung rufen, die andere jedoch den Frieden wahren. Hier braucht es Abstimmung: Wie kann ich friedvoll und gleichzeitig klar für Ordnung im Park sorgen, wertschätzend für mich einstehen und Grenzen setzen und falls nicht beides möglich ist, was ist mir im Zweifelsfall wichtiger: Der Frieden oder die Ordnung?

        Neben der Sicherheit (1. Dimension: Halt und Sicherheit), Angesprochen-sein von Werten (2. Dimension: Werte) ist eine dritte Dimension unerlässlich.



        Die dritte Dimension lautet: 'So sein, wie ich bin', aus der die 3. Grundmotivation folgt: 'Ich will so sein, wie ich bin und auf meine Weise wahrnehmen, denken, fühlen, handeln. Ich will als der, der ich bin, respektiert und geschätzt werden.'

        Im Park bedeutet das für mich: Wenn ich schon die Herausforderung annehme, dann auf meine Weise. Ich gehe auf meine Weise auf die Gruppe Jugendlicher zu, entscheide auf meine Weise, was zu tun ist und wie ich es tue: sei es, dass ich den Parkwächter, die Müllabfuhr oder gar die Polizei informiere, sei es, dass ich lauthals über die verdorbene Jugend von heute krakeele, oder still den Müll aufhebe, um ihn selbst zu entsorgen oder an ihm vorbei gehe in der Hoffnung, jemand anderer wird schon etwas tun ... Auf jeden Fall handele ich auf meine Weise meinen Werten entsprechend - auch wenn ich die Erwartungen anderer womöglich nicht erfülle ('Wie konntest Du nur ...!'; 'Das tut man doch nicht!').

        Bei dieser Dimension geht es darum, uns zu erlauben und herauszunehmen, so zu sein, wie wir nun mal sind. Wir fühlen uns frei, Erwartungen anderer zu entsprechen, sie aber auch zu enttäuschen, wenn wir uns selbst ansonsten untreu wären. Wir erlauben uns, uns selbst zu sein, damit wir selbst in unserem Leben vorkommen und nicht das Leben anderer leben. Das steht keineswegs im Widerspruch zu der Erfordernis, uns im Miteinander abzustimmen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, denn entsprechend der zweiten Dimension, in der es um Nähe und Bezogenheit geht, wird mir auch am Herzen liegen, abgestimmt mit anderen auf meine Weise einzigartig zu sein.

        Kommen wir nun zur vierten und letzten Dimension.



        Die vierte Dimension lautet: 'Sinnvoll leben', aus der die vierte Grundmotivation folgt: 'Ich will sinnvoll leben'.

        Wozu soll ich im Park die Mühsal und das Risiko auf mich nehmen, etwas zu tun? Das bedeutet doch alles Energieaufwand und kann schnell ungemütlich werden. Ich tue es, weil ich als Mensch auf eine Zukunft hin lebe, eingebettet in etwas Grösseres, dessen untrennbarer Teil ich bin. Das Grössere ist: Meine Familie, meine Freunde, die Gemeinschaft, die Gesellschaft in der ich lebe, die Erde, die nicht nur mich trägt, sondern hoffentlich auch noch die Generationen, die nach mir kommen - und zwar in einer Weise, die meinen Werten entspricht.

        Dieses Verweisen über mich selbst hinaus wird in der Existenzanalyse die Selbst-Transzendenz genannt: das Beziehen auf etwas jenseits von mir. Diese Selbst-Transzendenz ist in der letzten Grafik (siehe unten) ebenfalls dargestellt. Es geht um mehr als mich, es mag sogar über meinen eigenen Tod hinausreichen. Wenn es diesen Bezug auf etwas Grösseres und Weiteres als ich es bin, nicht gibt, leiden wir auf Dauer an Sinnleere ('Wozu das alles, wenn mit meinem Tod doch alles stirbt, was zählt?'), die durch noch so viele Vergnügungen nicht gefüllt, sondern allenfalls betäubt werden kann. Ein Kollege sagte mir ein paar Monate nach seiner Pensionierung sinngemäss: 'Ich habe wieder Kontakt zu Kunden aufgenommen und stehe wieder für ausgewählte Projekte zur Verfügung: Nur auf dem Golfplatz ist auf Dauer nichts für mich.' Andere werden ehrenamtlich tätig oder kümmern sich um ihre Enkel. Der ewige Urlaub scheint nur erstrebenswert für die, die zu wenig davon haben. Menschen wollen eingebettet, Teil von etwas Grösserem sein - und beitragen.

        Die Worte von Martin Luther King: 'I have a dream!' drücken diese vierte Dimension aus. Es ist die leidenschaftliche Beschwörung einer besseren, gerechteren Welt, die werden soll. Und natürlich finden sich in dem, was wir uns erträumen, unsere verwirklichten Werte wieder. Die vierte Dimension gibt unseren Werten, unserem 'Ja' zum Leben und unserem Handeln Zukunftsperspektive. Wir werden tätig, weil es sinnvoll ist, tätig zu werden. Wir wissen, wozu unser Handeln gut sein soll, wem und was es dienen soll.

        Im Park könnte ich auf die Frage, warum ich fremden Müll selbst auflese und zum nächsten Abfalleimer trage und mir dabei vielleicht auch noch die Hände schmutzig mache, antworten: 'Weil ich von einem müllfreien Park träume, und das was ich gerade tue, macht die Verwirklichung dieses Traumes ein klein wenig wahrscheinlicher. Und weil es mein Traum einer schöneren Zukunft ist, wäre es für mich noch schlimmer, nichts zu tun.'

        Der Weg ist das Ziel, solange er mich in die Richtung meiner Träume führt. Auf die existentielle Frage, die das Leben im Park an mich stellt: 'Und, was willst Du nun tun angesichts des Mülls?' entschliesse ich mich, zu handeln und lasse die Kraft der vier Grundmotivationen in mein Handeln einfliessen.



        Weil ich diesen Traum einer Welt ohne Müll in mir hege, fasse ich mir ein Herz, gehe auf die Jugendlichen zu und bitte sie freundlich, ihren Müll doch nicht liegen zu lassen. Ich ernte erstaunte Blicke und werde eines Besseren belehrt: 'Oh, da liegt wohl ein Missverständnis vor - wir gehören einer Initiative für eine saubere Umwelt an und haben uns heute den Park vorgenommen. Wir machen nur gerade eine Pause und nachher weiter. Aber danke, dass sie uns auf die Dose dahinten aufmerksam gemacht haben. Wir hätten sie sonst vielleicht vergessen' .

        Ich schlucke leer. Zum Glück lerne ich gerne dazu. Auch ein Wert.


        Und wie kann diese Landkarte in der Beratung angewendet werden?

        ein Beispiel aus dem Alltag einer Führungskraft

        Eine Teamleiterin thematisierte im Coaching mit mir eine Situation vom Vortag, in der sie in einer Besprechung mit Teamleitern anderer Abteilungen auf unerklärliche Weise gehemmt war, ein für sie wichtiges Thema anzusprechen. Das irritierte und verunsicherte sie sehr, denn sie war von sich nicht gewohnt, gehemmt zu sein - im Gegenteil: es gehörte zu Ihrem Selbstverständnis, Dinge offen anzusprechen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

        Wir nahmen ihre Situation mit Hilfe des dargestellten Modells der Existenzanalyse unter die Lupe.

        Situation: Besprechung im Rahmen eines Arbeitskreises mit Kolleginnen und Kollegen zum Thema Verbesserung der Kundenbeziehungen und Qualitätsmanagement. Ihr Abteilungsleiter ist für ein paar Wochen krank geschrieben. Während seiner Abwesenheit hat sie in ihrer Funktion als seine Stellvertreterin bedeutsame Qualitätsmängel in der Bearbeitung eines Geschäftsvorgangs bemerkt.

        Herausforderung: Erkannte Missstände thematisieren - auch wenn sie den eigenen Verantwortungsbereich betreffen entsprechend dem Prinzip: Aus Fehlern können wir alle lernen. Irritation: Sie will etwas ansprechen und traut sich nicht.

        Wir gingen miteinander die vier Dimensionen durch:

      1. Können: Fühlt sie sich sicher genug und beherrscht sie ihr Handwerk (Wissen und Fähigkeiten)? Definitiv Ja. Die Teamleiterin war bestens mit der Materie vertraut und fühlte sich auch im Kreis ihrer Kolleginnen und Kollegen anerkannt. Hier gab es also keinen Grund, sich bedeckt zu halten.
      2. Werte: Welche Werte sind in dieser Situation angesprochen? Ihr ist Qualität sehr wichtig, deshalb hat sie sogar selbst diesen Arbeitskreis ins Leben gerufen. Ausserdem sind ihr Offenheit und Ehrlichkeit, sowie gemeinsames Lernen und Dialog auf Augenhöhe wichtig. Ihre Kolleginnen und Kollegen schätzt sie sehr, mit manchen hat sie sogar schon privat etwas unternommen. Sie ist sehr motiviert, sich auch weiterhin für diesen Arbeitskreis zu engagieren.
      3. Dürfen, sich selbst sein: Darf ich mir erlauben, das, was mir wichtig ist, auch auf meine Weise anzusprechen? Bei dieser Frage, bei diesem Stichwort "erlauben" stutzte sie: "Ja schon natürlich, aber ..." ? "Aber ...?" Und nun wurde ihr bewusst, wo sie sich selbst im Wege stand: Ihr war noch nicht bewusst geworden, wie sehr sie die zufällig bemerkten Qualitätsmängel in den Arbeitsergebnissen ihres Chefs beschäftigten. Am liebsten hätte sie diese angesprochen, aber aufgrund eines Loyalitätskonfliktes, der ihr bis jetzt gar nicht bewusst gewesen war, war ihr dies nicht möglich: Sie konnte doch nicht ihren eigenen Chef, mit dem sie bisher aufgrund seiner Erkrankung noch nicht hatte sprechen können, vor ihren Kolleginnen und Kollegen bloss stellen! Ein weiterer Wert taucht hier auf: Loyalität. Nun zeigte sich, vor welcher Herausforderung sie stand: Wie kann sie entsprechend ihrem eigenen Qualitätsanspruch dafür sorgen, dass erkannte Missstände möglichst bald behoben werden, andere an ihrem Lernprozess teilhaben lassen (aus Fehlern können wir alle lernen!) und sich dabei fair gegenüber ihrem Chef verhalten? Das war die Frage, die das Leben in dieser Situation an sie stellte.
      4. Sinn. Eine persönliche Antwort auf diese Frage zu finden, auch wenn es mit zusätzlichen Gesprächen und somit auch Arbeitsaufwand verbunden war, war ihr die Sache allemal wert, denn für sie war es weiterhin erstrebenswert, sowohl ihr Bestes für hohe Qualität zu geben als auch ein gutes wertschätzendes Arbeitsverhältnis mit ihrem Chef zu pflegen. Sie hätte es sich einfacher machen können. Aber dazu war ihr die Sache und auch ein fairer Umgang in der Arbeitsbeziehung zu wichtig.

        Alles weitere war für die Teamleiterin nun kein Problem mehr, sondern nur noch Handwerk, das sie beherrschte. Der Hemmschuh war für sie lediglich der unbewusste Loyalitätskonflikt gewesen. Sie würde sich um die Nachbesserungsarbeiten so schnell wie möglich kümmern, mit gutem Gewissen die Rückkehr ihres Chefs abwarten und mit ihm über die vorgefundenen Unstimmigkeiten unter vier Augen sprechen, da es sich um seine Versäumnisse handelte und nicht um ihre eigenen.

        Ihr wurde klar, wie wichtig solch ein fairer Umgang mit Fehlern anderer für die Entwicklung einer offenen Fehlerkultur war. Von dieser Einsicht würde sie ihren Kolleginnen und Kollegen beim nächsten Treffen des Arbeitskreises berichten, ohne mit zuviel Details ihren Chef blosszustellen.


        Nachwort

        Kurt Lewin hat einmal gesagt: "Es gibt nichts praktischeres als eine gute Theorie." Dem stimme ich zu und ergänze:
        "... insbesondere, wenn sie mir dabei hilft, im Dialog mit dem Leben zu sein."

        Die Existenzanalyse ist für mich solch eine Theorie.

        Ingo Heyn
        Februar 2020



        Literatur

        • Frankl, Viktor E.: .... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 2009
        • Frankl, Viktor E: Die Psychotherapie in der Praxis. 1986
        • Längle, A; Bürgi, D.: Existentielles Coaching. Theoretische Orientierung, Grundlagen und Praxis für Coaching, Organisationsberatung und Supervision. Wien, 2014.
        • Längle, Alfried: Erfüllte Existenz. Entwicklung, Anwendung und Konzepte der Existenzanalyse. 2011
        • Längle, Alfried: Sinnspuren - Dem Leben antworten, Residenz Verlag
        • Längle, Alfried: Sinnvoll Leben - Eine praktische Anleitung der Logotherapie. Residenz Verlag, 2007
        • Längle, Alfried: Viktor Frankl. Ein Porträt. Piper Verlag 2001


         Fussnoten 

        1. Ein alter Mann kam zu Frankl in die Praxis ...
          ... er war selbst Arzt und klagte: "Herr Kollege, ich weiss eigentlich nicht, wozu ich komme, Sie können mir ja in Wirklichkeit nicht helfen, aber ich komme nicht über den Tod meiner Frau, die ich über alles geliebt habe, hinweg. Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Ich bin hilflos. Medikamente könnte ich mir selbst verschaffen. Aber ich wollte einmal mit Ihnen sprechen" Was hätte Frankl ihm sagen sollen? Er hat ihm nichts gesagt, sondern ihn nur etwas gefragt: "Sagen Sie Herr Kollege, was wäre passiert, wenn nicht Ihre Frau, sondern wenn Sie selbst zuerst gestorben wären?" Darauf sagte er: "Mein Gott, was die arme Frau mitgemacht hätte, wie sie gelitten hätte!"
          "Sie werden zugeben, dieses Leiden ist Ihrer Frau, die Sie ja über alles geliebt haben, erspart geblieben, allerdings um den Preis, dass Sie es jetzt übernehmen müssen, ihr nachzutrauern und sie zu überleben." In diesem Augenblick erkannte der Mann einen Sinn in seinem Leiden, den Sinn eines Opfers, das er für seine geliebte Frau brachte. Der Mann ist wortlos aufgestanden, hat Frankl die Hand gedrückt und ging tief bewegt davon (aus Frankl 1998, zitiert nach Alfried Längle, Sinnvoll Leben. 2007, S. 57)

        2. Viktor Frankl unterscheidet klar zwischen der 'Person', die er als das Freie im Menschen definiert und der 'Persönlichkeit', die die Eigenheiten einer Person beschreibt: ist sie eher introvertiert oder extravertiert? Welches Temperament hat sie? Wie geht sie mit neuen Herausforderungen um, was sind ihre persönlichen Vorlieben? etc.