Ist die Quantenphysik der Liebe auf der Spur?

||     Essay Nr. 1    >>



        "Wie hast du das gemacht?", entfuhr es mir. Ich war so verblüfft, dass ich meine Angst vergessen hatte. Der kleine Spatz schaute mich verschmitzt an, blinkte mit seinen kleinen schwarzen Augenperlen, legte seinen Kopf schräg und sagte:
        "Ganz einfach - ich kenne einen Zauberspruch, und der lautet: 'Ich bin weder groß noch klein'. Mit diesem Zauberspruch kann ich mich jederzeit wieder in das verwandeln, was ich gerade nicht bin."

        aus "Ein unvermeidliches Geschenk".






        Amit Goswami, ehemals Professor für theoretische Physik an der University of Oregon, beschreibt in seinem Buch "The Self Aware Universe"[1] (sinngemäß übersetzt: "das sich selbst wahrnehmende Universum") die grundlegenden Erkenntnisse der Quantenphysik und ihre mögliche Bedeutung für die Wirkungskraft unseres Bewusstseins.

        Die Quantenphysik widmet sich jener Frage, die schon dem Erkenntnisdurst eines Dr. Faustus zugrunde lag: "Daß ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält" [2]. Laut Amit Goswami sprechen die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung in der Quantenphysik für folgende Antwort: Was unsere Welt im Innersten zusammenhält, ist ein allumfassendes Bewusstsein, das alles enthält, was wir mit unseren Sinnen und Messinstrumenten erfahren können. Mit anderen Worten:


        Am Anfang ist nicht Materie sondern Bewusstsein.
        Er belässt es in seinem Buch nicht bei philosophischen Betrachtungen, sondern erläutert auch ganz konkrete, teilweise berühmte Experimente, deren Ergebnisse ziemlich verrückt anmuten und noch heute den meisten Forschern auf diesem Gebiet einiges Kopfzerbrechen bereiten. So hat man beispielsweise in ausgeklügelten Experimenten immer wieder nachweisen können, dass ein Teilchen, das beobachtet wird, sich erst in jenem Moment manifestiert, in dem es beobachtet wird - vorher ist es nur als Möglichkeit beschreibbar, d. h. man kann nur sagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit es an verschiedenen Orten anzutreffen wäre, wenn man dort eine Messung vornehmen würde, um es aufzuspüren. Das Verrückte ist: Solange es sich noch nicht an einem einzigen Ort durch die konkrete Beobachtung eines bewussten Beobachters manifestiert hat, zeigt es an all diesen möglichen Orten trotzdem indirekt nachweisbare Wirkungen. Das heißt, man kann eindeutig nachweisen, dass "das Teilchen" existiert, aber eben noch nicht in der Welt der Materie. In diesem Fall sprechen die Physiker deshalb noch nicht von einem Teilchen, sondern von einer "Wahrscheinlichkeits-Welle".

        Wahrscheinlichkeitswelle? Das klingt ziemlich abstrakt und wenig bedeutsam für unseren Alltag. Mag sein. Auf den ersten Blick. Für den zweiten Blick lade ich zu folgendem Gedankenexperiment ein:

        Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich zusammen mit Freunden auf einer Expedition in einem Dschungel, deren Ziel es ist, ein einzigartiges Tier aufzuspüren, das sich irgendwo in den Weiten des Dschungels versteckt hält. Deshalb haben Sie sich weiträumig verteilt und stehen per Funk in ständigem Kontakt. Mit Hilfe eines tragbaren Gerätes können Sie jederzeit DNA-Analysen vor Ort vornehmen. Das erlaubt Ihnen, gefundene Spuren eindeutig Ihrem gesuchten Tier zuzuordnen oder als falsche Fährte zu verwerfen. Eine Verwechslung mit seinen Artgenossen ist somit ausgeschlossen. Solange niemand von Ihnen das Tier gesichtet hat, finden Sie zu Ihrem großen Erstaunen seine Spuren mal hier mal dort - seine frischen Spuren sind sogar an voneinander sehr entfernten Orten gleichzeitig auffindbar, obwohl es für unser exotisches Tier völlig unmöglich ist, diese Wegstrecke so schnell zurück zu legen.
        Genau diese verrückt anmutenden Phänomene sind in der subatomaren Welt der Elektronen, die den Atomkern wie Planeten ihre Sonne umschwirren, in entsprechenden Experimenten immer wieder nachgewiesen worden: Solange ein Physiker den genauen Aufenthaltsort eines Elektrons noch nicht gemessen hat, verhält sich das Elektron wie unser exotisches Tier im Dschungel: aufgrund seiner eindeutigen Spuren scheint es überall und nirgends zu sein - bis es das Erste mal "gesichtet", d. h. gemessen wird. Das ist der erste Widerspruch, den die klassische Physik nicht zu erklären vermag: Obwohl das Elektron unmöglich an mehreren Orten gleichzeitig sein kann, haben Wissenschaftler immer wieder nachweisen können, dass genau dies der Fall ist.

        Zurück zu Ihrer Expedition. Das zweite überraschende Ergebnis Ihrer Jagd nach dem außergewöhnlichen Tier ist folgendes: Sobald jemand von Ihnen das Tier tatsächlich beobachtet hat, sind von unserem Tier keinerlei Spuren irgendwo sonst im Dschungel noch nachweisbar - das Tier hat sich an dem Ort, an dem es zum ersten Mal wahrhaftig beobachtet wurde, manifestiert und seine Spuren sind nur noch im nahen Umkreis auffindbar. Ein wenig erinnert dieses Beispiel an den Bären, der vor einiger Zeit eine Weile zwischen Österreich, und Deutschland hin und her wanderte und die Jäger bemerkenswert lange zum Narren hielt.

        Soweit das Gedankenexperiment. Die Kernaussage von Goswami, die er aus Erkenntnissen der Quantenphysik ableitet, lautet: Allem Sein liegt ein allumfassendes Bewusstsein zugrunde, das die vermeintlich unabhängig vom Beobachter existierende Wirklichkeit erst durch Wahrnehmen erschafft. Im Akt des Beobachtens manifestiert sich erst das Beobachtete. Moment mal. Das hieße ja, dass mein Frühstücksei erst in dem Moment beginnt zu existieren, in dem ich mich ihm zuwende, um es zu pellen. Nein, würde Amit Goswami sagen. Es manifestierte sich auch vorher schon, und zwar in jenem Augenblick, als ich es ins kochende Wasser legte. Es manifestiert sich immer dann, wenn sich jemand mit bewusstem Gewahrsein dem Frühstücksei zuwendet. Und was ist dann mit dem Ei, während es noch im Kühlschrank lagert? Existiert es in diesem Moment nicht mehr?

        Es existiert sehr wohl. Wäre das Ei nicht ein Ei, sondern ein subatomares Teilchen wie zum Beispiel ein Elektron, existiert es nur als starkes Potential - solange es nicht im Kontakt mit einem Messinstrument kommt. Es manistiert sich erst im Moment der Messung. Mit dem Ei verhält es sich anders. Größere Objekte zeigen Daseinskonstanz, da sie aus unzähligen subatomaren Teilchen bestehen, die sich in ihrer Wechselwirkung sofort "gegenseitig messen" und somit manifestieren. Die quantenphysikalischen Phänomene sind nur dann zu beobachten, solange ein Teilchen für sich alleine unbeobachtet oder im Gleichklang mit anderen Teilchen, d.h. ohne störende Einflüsse in seiner Wahrscheinlichkeitswelle schwingen kann. Im Falle des Gleichklangs sprechen Quantenphysiker von "Kohärenz", die mit zunehmender Anzahl Teilchen immer schwerer aufrecht erhalten werden kann. Man kann sich das vorstellen wie kleine Wellen nach dem Wurf eines Kieselsteins in einen stillen See, die sich solange ungehindert ausbreiten, bis sie sich an einem Stein am Ufer brechen. In diesem Moment kollabiert die Wahrscheinlichkeitswelle in ein manifestes Teilchen - ist also nicht länger als Welle unterwegs. Wir können diesen Vergleich noch verfeinern: Bei starken Minustemperaturen wird ein Teil der ans Ufer schwappenden Wasserwelle am dortigen Eis gefrieren, d.h. sich als harte Materie manifestieren, während der Rest bis auf weiteres zurückschwappt und sich unserem Zugriff entzieht.

        Goswami jedoch geht weiter: Seiner Ansicht nach manifestiert sich logischerweise das Frühstücksei, das ja aus nichts anderem als diesen subatomaren Teilchen besteht, ebenfalls erst im Akt der Wahrnehmung. Sein Argument: Wenn sich ein Elektron erst im Augenblick der Messung - sprich der Beobachtung - manifestiert, gilt dies auch für die großen Objekte, die aus Wechselwirkungen subatomarer Teilchen entstehen. Darin liegt jedoch sein doppelter Denkfehler [3]. Denn zum Einen ist das Wesentliche, das die Wahrscheinlichkeitswelle eines Teilchens in die manifeste Welt der Materie katapultiert, nicht ein beobachtendes Bewusstsein, sondern der Kontakt mit komplexer, verdichteter Materie - und das kann auch ein seelenloses Messinstrument sein [4]. Zum anderen führt die im Frühstücksei verdichtete Ansammlung unzähliger subatomarer Teilchen dazu, dass sie sich gegenseitig daran hindern, wieder zu einer Wahrscheinlichkeitswelle mit unbestimmten Daseinsort zu werden, da sie im ständigen Kontakt miteinander sich gegenseitig "messen".

        Ein kleines Beispiel auf menschlicher Ebene mag dieses Phänomen illustrieren: Bis anhin lebte Max Müller ohne eine spezielle Meinung zum Thema "Massentierhaltung". In seinem Verhalten konnte man mit gewisser Wahrscheinlichkeit sowohl Verhaltensweisen entdecken, die darauf schliessen lassen, dass ihm Tierschutz am Herzen liegt - z. B. kauft er keine Fleischprodukte aus Massentierhaltung - zum anderen jedoch kauft er Körperpflegemittel ohne darauf zu achten, ob sie an Tieren getestet wurden oder nicht. Wir könnten also seine derzeitige Meinung zum Thema Tierschutz eher als eine nicht manifestierte Wahrscheinlichkeitswelle auffassen. Dann jedoch kam er auf der Strasse an einem Informationsstand eines Tierschutzverbandes vorbei, und wurde zu seiner Meinung gefragt (Messung!). Nun war er eingeladen, Stellung zu beziehen. Fortan war etwas anders. Er wurde sich bewusst, dass ihm der Tierschutz eigentlich am Herzen liegt. Nicht nur das, er beschloss nach kurzer Zeit, dem Tierschutzverband beizutreten. Die verschiedenen Aktivitäten in diesem Verband (Sitzungen, Informationsveranstaltungen, Rundschreiben etc...) führten nun dazu, dass er immer wieder "Stellung" beziehen musste (aus Sicht der Quantenphysik: Es wurde eine Messung vorgenommen). Diese fortwährende Stellungnahme führte zu einer zunehmenden Verfestigung (Materialisierung) einer latenten Haltung, die zuvor nur als unbestimmtes Potential (Wahrscheinlichkeitswelle) in ihm vorhanden war.

        Daniel Gilbert bringt es in seinem bemerkenswerten Buch "Ins Glück stolpern" so auf den Punkt:

        "Die Quantenphysik legt ähnliche Schlussfolgerungen nahe: Wir wissen, dass subatomare Teilchen die seltsame und bezaubernde Fähigkeit haben, gleichzeitig an zwei Orten sein zu können. Wenn wir nun annehmen, dass alles, was aus diesen Teilchen zusammengesetzt ist, sich genauso verhält, sollten wir erwarten, dass alle Kühe in allen Ställen gleichzeitig sind. Was sie offensichtlich nicht sind, da Festigkeit eine andere Eigenschaft ist, die aus der Interaktion einer schrecklich großen Anzahl schrecklich kleiner Teilchen entsteht, die dieses Merkmal nicht haben. Kurz gesagt, mehr ist nicht gleich mehr - es ist manchmal anders (Seite 125) [...] Jene subatomaren Teilchen, die es lieben, überall gleichzeitig zu sein, scheinen sich gegenseitig so zu beeinflussen, dass eine große Ansammlung von Teilchen, die wir Kühe, Autos oder Frankokanadier nennen, genau dort bleibt, wo wir sie hinstellen. (Seite 129)"[5]

        Amit Goswami begnügt sich nicht mit dieser beruhigenden Deutung und kommt zu der Schlussfolgerung: Bewusstsein ist der Ursprung allen Seins. Am Anfang ist Bewusstsein. Nur mit dieser Annahme lässt sich seiner Meinung nach eine der wichtigsten und unbestreitbaren Erkenntnisse der Quantenphysik widerspruchsfrei erklären: Beobachter und Beobachtetes sind nicht von einander unabhängig. Der Beobachter nimmt durch den Akt des Beobachtens Einfluss auf das Beobachtete - ja es ist sogar so, dass erst durch das bewusste Gewahr werden eines Objektes dieses sich manifestiert. Vorher ist es nur Potential, nur eine Möglichkeit, aber es ist noch nicht "auf die Welt gekommen".

        In Titel dieses Leserbriefes habe ich die Frage gestellt: Könnte es sein, dass die Quantenphysik der Liebe auf der Spur ist? Ungeachtet dessen, ob man Goswami in seiner Argumentation folgen möchte oder nicht - vielleicht bestätigt die weitere Forschung der Quantenphysik, was östliche und westliche Mystiker seit Menschendenken erfahren haben und lehren, nämlich dass im Grunde alles Eins ist, dass es nur ein Bewusstsein gibt, dass wir alle auf einer fundamentalen Ebene untrennbar miteinander verwoben sind und nur unterschiedliche Facetten des Einen Bewusstseins sind, von dem wir uns mehr oder weniger stark abgetrennt und entfernt haben. Wenn wir gewahr werden, dass das sich selbst bewusste Universum im Grunde nur sich selbst betrachtet, wenn wir einander begegnen und sich unsere Blicke treffen, wenn wir begreifen, dass wir durch unser Gewahr werden uns selbst in jedem Augenblick von Neuem erschaffen, gibt es - sofern wir uns eine natürliche Selbstliebe bewahrt oder wieder zu ihr zurückgefunden haben - einen Grund mehr, liebevoll dem Rest unserer Welt zu begegnen. Ob wir diese Chance nutzen, bleibt allerdings uns selbst überlassen, denn wie schon Jean-Paul Sartre einmal so schön formulierte: Wir Menschen sind zur Freiheit verurteilt.
        Oder gibt es unsere Freiheit erst in dem Augenblick, in dem wir sie wahrnehmen?

        Ich wünsche Ihnen erholsame Feiertage!

        Ingo Heyn

        Dezember 2006

        P.S: Es gibt inzwischen auch eine anschauliche Dokumentation der BBC zu diesem Thema: Was ist Realität? - Das grosse Rätsel der Menschheit

        Eine hervorragende Erläuterung der Quantenphsik und dem gegenwärtigen Forschungsstand zur Bedeutung der Quantenphysik für die Biologie findet sich in dem leicht verständlich geschriebenen Buch von Al-Khalili, Jim und McFadden, Johnjoe: Life on the Edge: The Coming Age of Quantum Biology, Bantam Press, 2014[6].


        Weiterführende Literatur:

        Zeilinger, Anton: Einsteins Spuk. Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik. Goldmann Verlag, 2007.



         Fussnoten 

        1. The self aware universe - how consciousness creates the material world, Amit Goswami, PH.D.
          in Deutsch ab Januar 2007 im Lüchow-Verlag erhältlich: "Das bewusste Universum. Wie Bewusstsein die materielle Welt erschafft" (ISBN: 978-3363031263)

        2. Goethe, J.-W. von Goethe: Faust. Eine Tragödie, 1808.

        3. siehe zum Beispiel auch die Kritik von Ken Wilber in seinem Buch "Integrale Spiritualität", Kösel-Verlag 2006, Seite 398, und die Erläuterungen von Jim Al-Khalali und Johnjoy McFadden in "Life on the Edge", Seite 92

        4. siehe hierzu den hervorragenden Vortrag des Quantenphysikers Jim Al-Khalali: https://www.youtube.com/watch?v=wwgQVZju1ZM

        5. Ins Glück stolpern - Suche Dein Glück nicht, dann findet es dich von selbst, Daniel Gilbert (Professor der Psychologie an der Harvard University), 2006

        6. Al-Khalili, Jim; McFadden, Johnjoe: Life on the Edge: The Coming Age of Quantum Biology, Bantam Press, 2014




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