Warum Nacktschnecken so selten nach dem Sinn des Lebens fragen

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        "Werte sind wie Brenngläser, die unsere Lebenskraft bündeln und ihr eine Richtung geben"

        Alfried Längle


        "Alles, was ich heute tue, ist wichtig, gebe ich doch einen ganzen Tag meines Lebens dafür."

        George Bernard Shaw



        In meinem letzten Essay "Die Sprache der inneren Weisheit - oder: Lebensfreude! Wo ist sie nur geblieben?[1] habe ich eine kleine "Landkarte" vorgestellt, die recht nützlich sein kann für die Orientierung in unseren Gefühlslandschaften. Für mich sind Gefühle in ihrer Essenz nichts anderes als unsere Lebensenergie, die gleich einem stillen See vom Wind der Ereignisse bewegt oder gar aufgewühlt wird. Bewegt werde ich, wenn ich mich berühren lasse von der Schönheit und dem Schrecken des Lebens.


        Nachdem ich das letzte Mal vor allem über die Bedürfnisse und den Umgang mit ihnen geschrieben habe, widme ich mich nun der Frage: Welche Rolle spielen eigentlich Werte für uns, woher kommen sie und wie finden wir sie? Hierzu angeregt wurde ich durch einen Aufsatz von Alfried Längle mit dem Titel: "Wertberührung"[2], dessen Gedanken mir so wertvoll erscheinen, dass ich sie gerne weiter reichen und erläutern möchte. Dazu will ich zunächst an ein paar grundsätzliche Mechanismen erinnern, mit denen es dem Kunststück "Leben" in den vielfältigsten Formen gelingt, sich selbst immer wieder von Neuem zu vollbringen.


        Der Reflex

        Es gibt - entwicklungsgeschichtlich betrachtet - unterschiedlich alte Mechanismen, mit denen Lebewesen in einer nährenden und zugleich gefährlichen Welt versuchen, ihr Dasein zu sichern: Ein sehr alter Mechanismus ist der Reflex - "festverdrahtete" Reiz-Reaktions-Muster, wie sie zum Beispiel eine Nacktschnecke zeigt, wenn man ihre Stielaugen berührt: sie zieht ihre Augen ein. Wie wir spätestens seit Erfindung der Computer wissen, sind sowohl Lebewesen als auch Maschinen nur begrenzt flexibel, wenn alles "ab Werk" fest verdrahtet ist. Und so wie die Trennung zwischen einer Maschine, die theoretisch alles kann, und einer Software, die der "Hardware" sagt, was sie zu tun hat, ein grosser technischer Entwicklungssprung in das Computerzeitalter war, so entdeckte die Evolution diesen Trick schon Jahrmillionen vor uns: Zu den fest verdrahteten Reflexen kamen bald die konditionierten, d. h. gelernten Reflexe. Die Evolution erfand das Phänomen "Lernen". Wenn ich hungrig an einer Bäckerei vorbei laufe, deren Lüftung wie zufällig den Duft von frischen Backwaren auf die Strasse bläst, reagiere ich ziemlich zuverlässig mit einem konditionierten Reflex: mir läuft das Wasser im Mund zusammen, mein Körper bereitet sich auf die ersehnte Nahrungsaufnahme vor. "Instinktiv" verlangsame ich meinen Schritt und finde mich nicht selten wenige Augenblicke später in der Bäckerei wieder.


        Der Autopilot und sein (An-)Trieb

        Es gibt eine ganze Reihe Forscher, die den Ehrgeiz entwickelten, die Komplexität menschlichen Handelns auf solche gelernten Reiz-Reaktions-Muster zu reduzieren. Das gelang ihnen zwar nicht, aber immerhin schaffte es B. F. Skinner - einer der ganz leidenschaftlichen Vertreter dieser Zunft - eine Ratte dazu zu bringen, eine Miniatur-Ausgabe der amerikanischen Flagge zu hissen. Dies gelang ihm, weil er bei seinen Dressurbemühungen geschickt das Triebverhalten der Ratte zu nutzen wusste: die Lust am Fressen.

        Während ihres langen Marsches auf dem Weg zu komplexeren Daseinsformen entwickelte die Evolution einen genialen Motor für Verhalten: Triebe, die der eigenen Erhaltung (z. B. Nahrungsaufnahme) oder dem Fortbestand der eigenen Art (z. B. Sexualität) dienen. Zusammen mit den Reflexen übernehmen sie die Funktion eines Autopiloten, der uns durch den Alltag steuert, ohne dass wir ständig alles neu überdenken und entscheiden müssen. Für meine persönliche Entwicklung ist es allerdings ratsam, hin und wieder die Programmierung und den eingeschlagenen Kurs meines "Autopiloten" genauer unter die Lupe zu nehmen und mit Blick auf meine Lebensziele auf Zweckmäßigkeit zu überprüfen. Um dies zu können, muss ich als bewertende Instanz zwischen Reiz und Reaktion, zwischen Duft und Lust die reflektierende Frage schieben: "Wozu soll ich reagieren?", "Will ich das wirklich?", "Will ich jetzt wirklich in die Bäckerei?". Mit dieser relativen Freiheit ist die Grundlage für die Frage nach dem Sinn geschaffen.


        Der kleine Unterschied

        Als Nacktschnecke muss ich mir nicht die Frage stellen: "Wozu ziehst du deine Stielaugen ein, wenn sie berührt werden?" Die Frage nach dem Wozu ist sinnlos, weil "es" - die feste Verdrahtung - in mir reagiert. Die durchaus interessante Frage nach dem Wozu und dem Sinn taucht erst da auf, wo uns die feste Verdrahtung abhanden gekommen ist. Wir sind aufgefordert, einen Sinn für unser Handeln zu finden, weil wir nicht mehr länger unter dem Diktat automatisierter Reflexe stehen und in eine Freiheit entlassen sind, in der wir genötigt sind zu entscheiden, was wir mit diesen Reizen unserer Umwelt, aber auch mit den Impulsen, Trieben und Regungen in unserem Innern anfangen sollen. Um solch eine Entscheidung zu treffen, bin ich darauf angewiesen zu wissen, was mir wichtig ist, und was weniger, womit ich meine begrenzte Lebenszeit verbringen und wofür ich meine Lebenskraft einsetzen will. Keine Entscheidung ohne ein Werturteil. Und wenn ich mich entscheide, die Entscheidung auszuwürfeln, dann treffe ich das Werturteil: Es ist mir einerlei - der Zufall soll entscheiden.


        Traditionen

        Befreit vom Joch ihrer festen Verdrahtung und konfrontiert mit einer neuen Freiheit (wenn nicht mehr "es" in mir reagiert, was soll ich dann tun?) entwickelten unsere Vorfahren Traditionen. Eingebunden in Traditionen lassen sich viele Fragen nach dem "Wozu?" mit dem schnellen Verweis auf das Kollektiv beantworten: "Das gehört sich so", "Das steht dort und dort geschrieben", "Das hat man schon immer so gemacht", "Aber ich gehe doch jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit kurz in die Bäckerei!". Traditionen als Quelle der Sinnstiftung funktionieren ganz gut, so lange wir in relativ stabilen und einigermaßen abgeschotteten Gemeinschaften leben. Spätestens seit dem uns Flugzeuge massenhaft in fremde Kulturen tragen, Bücher und das Internet uns in Kontakt mit ganz anderen Ideen, Wertvorstellungen und Lebensentwürfen bringen, verlieren Traditionen an Überzeugungskraft: Sie werden relativiert, erscheinen nur noch als eine von vielen Möglichkeiten. Ich fühle mich genötigt, eine Wahl zu treffen und mich für individuelle Werte, an denen ich mich orientieren kann, zu entscheiden. Leider bekomme ich die nicht geschenkt[3].


        Der gefühlte Wert

        Mich für einen Wert zu entscheiden verlangt von mir ebenfalls wieder eine Entscheidung. Da könnte mir schwindelig werden, denn ich lande wieder bei der Frage: Aufgrund welchen Wertes entscheide ich mich für bestimmte Werte? Und schon laufe ich Gefahr, mich in einem Teufelskreis der Gedanken zu verfangen, denn wenn jede Entscheidung von mir schon ein Werturteil abverlangt, wo hat das dann alles seinen Anfang genommen? Wie komme ich zu dem ersten Werturteil?

        In diesem verwirrenden Gedankenspiel verliere ich mich nur, so lange ich die Antwort nach dem "Warum?" allein mit der Kraft meiner Gedanken zu finden versuche. Das geht nicht. Alfried Längle, ein Wiener Existenzanalytiker, schreibt in einem wunderbaren Kapitel mit dem Titel "Wertberührung" sinngemäss: Werte können nicht installiert werden, sie können nur gefunden werden - und zwar nicht mittels intellektueller Überlegungen, sondern in dem sie gefühlt werden[4].


        Hierzu ein Beispiel aus meiner Arbeit: Eine Führungskraft brasilianischer Herkunft hatte einen ausgeprägten Sinn für Loyalität und Pflicht. Diese außerordentlich stark ausgebildete Wert war eine wichtige Kraftquelle in seinem Leben und hatte ihn nicht nur beruflich, sondern auch privat weit gebracht. Bis zu einem bestimmten Punkt. Ein zunehmend ernstes Problem war seine Unfreiheit, einmal getroffene Vereinbarungen in Frage zu stellen und neu zu verhandeln, selbst wenn sich der Kontext, den die Vereinbarungen zur Grundlage hatten, inzwischen völlig verändert hatte. Bei der eingehenderen Erforschung seiner Gefühle und Gedanken rund um sein rigide gewordenes Loyalitätsverständnis stellte sich heraus, dass er ein einschneidendes Erlebnis im Alter von sieben Jahren gehabt hatte: Sein Vater verschwand eines Tages und tauchte nie mehr auf. Das heißt, die massiv erschütternde Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn jemand illoyal ist und ein Versprechen bricht (in diesem Fall: "ich sorge für dich!"), war die Geburtsstunde für seinen persönlichen Wert der Loyalität. Gleichzeitig tabuisierte er von nun an Illoyalität. Illoyalität war böse, schmerzhaft und unter keinen Umständen zu rechtfertigen. Als wir dieses Tabu entdeckten, brach zunächst ein lange zurückgehaltener Schmerz über den Verlust des Vaters heraus. Die anschließende Aufarbeitung der schmerzlichen Erfahrung führte dazu, dass er dem erlittenen Schmerz einen guten Platz in dem Sinne geben konnte, dass er bereit war, ihn direkt zu fühlen. Er wurde sich der Quelle seines Zwangs zur Loyalität bewusst und konnte sich mit der Idee vertraut machen, dass es auch Situationen gibt, in denen Vereinbarungen gekündigt oder neu überdacht werden müssen, ohne dass man sich damit wie ein Vater verhält, der seine Familie im Stich lässt - denn dies war bis dahin seine unbewusste Schlussfolgerung gewesen.


        Schmerz und Freude als Quelle für Werte

        Eine schmerzhafte Erfahrung wie die gerade Geschilderte kann zu der trotzigen Lebenshaltung führen: Wenn ihr mich so behandelt, dann zahl ich?s euch und allen anderen mit gleicher Münze heim. Sie kann jedoch auch - wie im Beispiel mit dem Jungen, dessen Vater einfach verschwand - der Ausgangspunkt für die Entstehung eines gelebten Wertes führen: Es entsteht der Wunsch, wenigstens durch das eigene Verhalten dem vernachlässigten Wert wieder mehr Geltung zu verschaffen. Dieser Wunsch führt manchmal in die Übertreibung - gleich einem Pendel, das erstmal ganz in eine Richtung schwingt, nur um herauszufinden, dass dort allein die Ruhe nicht zu finden ist. Die Übertreibung geschieht, wenn der entsprechende komplementäre Wert - in unserem Beispiel: "Illoyalität" - grundsätzlich als Unwert und Böses schlechthin verteufelt wird[5]. Auch Illoyalität kann von unschätzbarem Wert sein, wie der unheilvolle Verlauf der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert uns zeigt, als dieser Wert nicht genügend zur Geltung kam: Hitler ließ seine Gefolgsleute wohlweislich unbedingte Loyalität in Bezug auf seine Person und nicht etwa auf eine Verfassung schwören. Die wenigen aktiven Widerstandskämpfer konnten unter anderem nur deshalb Widerstand leisten, weil sie sich trotz ihres Treue-Schwures erlaubten, illoyal gegenüber ihrem "Führer" zu sein.


        Aber auch Freude kann unser Wertempfinden erweitern. Überwältigt vom Erleben der Geburt meiner ersten Tochter schmolzen meine jugendlichen Vorbehalte gegenüber dem Vatersein dahin, wurde mir bewusst, wie sehr ich mich bisher auf meine eigene Existenz begrenzt hatte. Sorge zu tragen für eine Zukunft jenseits meines eigenen Lebenshorizontes bekam plötzlich einen Sinn - womit ich nicht behaupten will, dass diejenigen, die keine Kinder in die Welt setzen, sich notgedrungen begrenzen und solch einen Sinn nicht entdecken können. Und wenn ich das täte, wäre das für mich ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich das Moralisieren - verstanden als negative Ausprägung ethischen Empfindens - durch die Hintertür einschleicht, wenn persönliches Wertempfinden zum Maßstab für alle Menschen deklariert wird. Apropos Moral und Wertvermittlung: Für mich besteht eine der Herausforderungen in der Kinder-erziehung darin, meinen Kindern Gelegenheiten zu schaffen, Werte zu entwickeln in dem sie diese selbst erleben, wie zum Beispiel den Wert der Gerechtigkeit durch die Erfahrung, fair behandelt zu werden, anstatt sie mit Strafe und Belohnung zu "gutem" Verhalten gemäß meiner elterlichen Wertvorstellungen zu dressieren.


        Der Urwert aller Werte

        Wir können Werte nur in uns finden, jedoch nicht mit unserem Willen "installieren". Ich kann mich entscheiden, ob ich fühlen will. Was ich hingegen als berührend und für mich als wertvoll erfahre, wenn ich mich öffne, kann ich nicht bestimmen. Nur was ich selbst fühlend erlebt habe, kann zu einem wirklichen Wert für mich werden. Nur wenn ich Mitgefühl erfahren habe, kann ich selbst anderen mein Mitfühlen schenken. Nur wenn das aufwachsende Kind von seinen Eltern ein grundsätzliches "Ja" zu seinem Wesen und seinem Dasein zu spüren bekommt (nicht nur mit Worten!), kann es zu sich selbst ein Ja entwickeln, und später auch zu anderen Menschen von Herzen "Ja!" sagen. Wenn nicht, bedeutet das keineswegs, dass es nie mehr in seinem Leben zu diesem "Ja" finden wird, aber der Weg dorthin ist mit Arbeit verbunden und braucht eine (therapeutische) Beziehung, in der diese Seinserfahrung nachgeholt werden kann.


        Welche wichtige Rolle die fühlende Wahrnehmung in unserem Leben spielt, erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder: Menschen, die mit ihren eigenen Gefühlen nicht in Kontakt sind oder ihren eigenen Gefühlen nicht trauen, tun sich auch sehr schwer, Entscheidungen zu treffen, weil sie nicht zu einer Haltung kommen, die etwa so lauten könnte: Ja genau - das ist es, das fühlt sich richtig an, das mache ich, das fühlt sich jetzt "stimmig" an. Diese innere Stimme, die im Grunde ein Gefühl ist, ist ihnen abhanden gekommen - oder zumindest das Vertrauen in sie[6].


        Alfried Längle sieht in der grundsätzlichen Haltung zum Leben den Ausgangspunkt für die Entwicklung persönlicher Werte. Die Haltung zum eigenen Leben ist sozusagen der "Urwert", in dem alle anderen Werte wurzeln. Für einen Menschen, der zu einem grundsätzlichen "Ja!" zum Leben gefunden hat, erschliesst sich ein ganz anderes Wertempfinden als für jemanden, der eine vorläufige, abwartende "coole" Haltung gegenüber dem Phänomen seiner Existenz einnimmt. Und für einen Menschen, der zu einem " Nein" kommt und sich das Leben nehmen möchte, ist nur noch der Tod von Wert, denn er verspricht Erlösung vom als nicht mehr ertragbar empfundenen Leid. Alles andere ist Unwert. Und doch - davon bin ich überzeugt - kann ein Mensch nur deshalb so verzweifelt sein, weil er zutiefst in seinem Innern nach wie vor ein "Ja - Ich will leben!" empfindet. Das "Nein!" gilt nur den Umständen, die die Erfüllung der Sehnsucht nach Leben vereiteln und denen mit einer letzten Tat ein "So aber nicht!" entgegengesetzt wird.


        Eine Frage

        Eine Frage, die mich rund um das Thema "Werte" bewegt: Müssten wir Menschen uns eigentlich nicht auf ganz natürliche Weise trotz unserer kulturellen Vielfalt in einer einzigen Werte-Gemeinschaft zusammenfinden - wenn doch unsere individuelle Existenz immer als ein ins Dasein drängendes "Ja!" zum Leben beginnt und die Wurzel aller Werte die Haltung zum Leben ist? In diese Richtung weisen für mich die Worte des Shuttle-Astronauten Sultan Bin Salman al-Saud, der nach seiner Rückkehr von einem Ausflug in den Weltraum berichtete:

        "Am ersten Tag deutete jeder von uns auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag gab es für uns nur noch eine Erde".
        Offensichtlich haben wir uns als Menschheit in solch einem gemeinsamen Bewusstsein noch nicht gefunden. Vielleicht liegt es ja daran: Ein "Ja" zu unserem Leben, das uns ungefragt geschenkt wurde, setzt unweigerlich ein "Ja" zu unserer grundsätzlichen Verletzlichkeit voraus. Mir scheint, dass unsere Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit uns diesen Weg zum "Ja" und damit auch die fühlende Entdeckung innerer Werte so schwer macht, die wir als Orientierung in unserem Leben und für einen pfleglicheren Umgang mit unserer Erde benötigen. Jedoch, welche Haltung wir zu unserem Leben und zu unserer damit einhergehenden Verletzlichkeit einnehmen - darin sind wir frei. Das heißt, wir haben die Wahl. Haben wir sie?

        Ingo Heyn

        April 2007




        Weblinks

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         Fussnoten 

        1. Die Sprache der inneren Weisheit - oder: Lebensfreude! Wo ist sie nur geblieben?

        2. Kapitel "Wertberührung" von Alfried Längle (Seite 22ff), erschienen im Tagungsbericht Nr. 1 und 2/1991 der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse zum Thema Wertbegegnung.

        3. Sofern nützlich, werden Traditionen natürlich auch heute noch und in Zukunft beibehalten. So wird die Tradition, bei uns rechts zu fahren, nach wie vor (bis auf gelegentliche meist tragische Ausnahmen) eingehalten - einfach weil sie die Wahrscheinlichkeit des Überlebens im Straßenverkehr erhöht.

        4. Alfried Längle schreibt in diesem Aufsatz zum Thema "Wertberührung" unter anderem: "Die Grenze des Erlebens und Erspürens von Werten ist aber andererseits genau jener Ort, wo Psychotherapie anzusetzen hat, um den Klienten zu einer Erweiterung des Lebensraumes zu führen".

        5. siehe hierzu auch das Wertequadrat nach P. Helwig (Charakterologie. Freiburg im Breisgau, 1967). Nach diesem Wertequadrat hat jede Tugend bzw. Stärke auch ihren Gegenwert bzw. "Schwester-Tugend", (Schulz von Thun) und muss mit dieser entsprechend ausbalanciert werden, damit sie nicht pervertiert, d. h. übertrieben und zu einer Schwäche wird.

        6. Interessanterweise hat auch die neurophysiologische Forschung eindeutig bestätigt, dass die Fähigkeit zu fühlen eine unabdingbare Voraussetzung für die Fähigkeit ist, intelligente Entscheidungen treffen zu können (Intelligenz verstanden als die Fähigkeit, in einer komplexen Welt erfolgreich zu überleben). So berichtet der Neurophysiologe Antonio Damasio in seinem Buch "Descartes Irrtum" von einem erfolgreichen Manager, bei dem aufgrund einer unfallbedingten Kopfverletzung die Integration von Denken und Fühlen nicht mehr möglich war. Er bestand zwar alle herkömmlichen Intelligenztests nach wie vor mit Bravour, und trotzdem geriet sein Leben immer mehr aus den Fugen. Seine berufliche Karriere war beendet. Es stellte sich heraus, dass er aufgrund einer spezifischen Hirnverletzung nicht mehr fähig war, Gefühle in seinen Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen, und in Folge dessen nicht mehr in der Lage war, gute Entscheidungen zu treffen.




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