Die Weisheit des Schilfs

<<     Essay Nr. 6    >>



        Ich ziehe eine weiße Rose
        im Juli wie im Januar
        für den aufrichtigen Freund,
        der mir seine offene Hand reicht.

        Und für den grausamen Mann,
        der mir das Herz, mit dem ich lebe, entreißt,
        lasse ich weder Nesseln noch Dornen wachsen:
        Ich ziehe für ihn eine weiße Rose.

        José Julián Martí y Pérez



        in meinem letzten Essay ging es um den Umgang mit singenden Drachen und die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshal B. Rosenberg[1]. Zu meinem neuen
        Essay habe ich mich von einem Gespräch inspirieren lassen, das sich neulich bei einer Busfahrt in Schweden ergeben hatte:

        "Ich frage mich, ob es nicht das Beste ist, keine Erwartungen im Leben zu haben". Die junge Frau schaut durch die Scheibe des Busses in die schwedische Nacht hinaus, die um diese Jahreszeit ihren dunklen Mantel schon früh am Nachmittag über das Land ausbreitet. "Oder was meinst Du?" Mit einem traurigen Blick wendet sie sich ihrem Vater zu. Sie glaubt, dass eine gerade aufkeimende Liebe sich schon wieder aus ihrem Leben zu verabschieden beginnt.

        "Für mich sind Erwartungen an sich nicht das Problem. Wichtiger ist für mich die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden? Ich nehme mal an, dass hinter deiner Überlegung die Hoffnung steckt, nicht mehr so schmerzlich enttäuscht zu werden ... "
        "... Ja, allerdings!"

        " ... und da würde ich nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir sind nun mal Menschen mit Bedürfnissen, Vorlieben, Abneigungen und Wertvorstellungen. Und diese nähren entsprechende Wünsche - wir hegen Erwartungen, die durch die tatsächlichen Ereignisse dann entweder erfüllt oder enttäuscht werden. Du darfst nicht vergessen, dass wir die Fähigkeit, überhaupt etwas erwarten zu können, unserer menschlichen Vorstellungskraft verdanken. Ohne sie könnten wir uns keine Zukunft erträumen. Und solche Zukunftsträume wiederum sind die Kraftquelle, aus der wir schöpfen, um entsprechend unseren Vorstellungen gestaltend auf die Welt Einfluss zu nehmen. "I have a dream", ist - wie du sicherlich weißt - der berühmte Satz von Martin Luther King, der mit seiner visionären Kraft eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Rassismus in den USA spielte. Nichts mehr zu erwarten hieße für mich, gleich einem Segler auf dem Meer die Segel einzuholen und mich nur noch ziellos den Strömungen des Meeres zu überlassen".

        "Aber er hat gesagt, dass er nicht in mich verliebt ist!"

        "Und er will - so habe ich dich verstanden - nach wie vor mit dir Zeit verbringen und all die schönen Dinge, die ihr miteinander geteilt habt, weiterhin mit dir erleben. Was immer ihn dazu bewogen hat, dies zu sagen - nachdem was du mir erzählt hast, verhält er sich recht verliebt und jetzt verharkt ihr euch in Worten. Wichtiger wäre mir: Was erlebt ihr, wenn ihr miteinander seid, wie fühlt es sich mit ihm an? Tut er dir gut, inspiriert er dich, fühlst du dich wohl in seiner Nähe? Und da hast du mir von ein paar schönen Momenten erzählt, die mir zeigen, dass ihr euch wirklich einander eine schöne Zeit schenken könnt."

        "Und was würdest du tun?"

        "An deiner Stelle würde ich weniger auf die Worte achten und mehr auf das, was wir miteinander teilen können. Schauen, ob mir das Zusammensein gut tut, ob ich mich gut behandelt fühle. Und mich interessiert erkundigen, warum es ihm wichtig ist, diese Bemerkung zu machen. Irgendetwas will er ja damit zum Ausdruck bringen. Vielleicht fürchtet er die Kiste "Partnerschaft" und will einfach nur sagen: Nicht dass du denkst, ich gehöre jetzt dir! Vielleicht verbindet er mit "Verliebt sein" irgendwelche Verpflichtungen, Bedeutungen, mit denen er sich nicht identifizieren kann. Da würde ich interessiert nachforschen. Als Deine Mutter mich vor so vielen Jahren fragte: Aber warum gehst du denn immer noch mit mir spazieren, ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht in dich verliebt bin? Da habe ich ihr geantwortet: ich weiss, aber ich habe immer noch Lust, mit dir spazieren zu gehen. Und stell dir vor, sie hatte nichts dagegen, dass wir dies auch noch Hand in Hand taten. Das war mir wichtiger als ihre Worte. Wäre es nicht so gewesen, wärest du heute nicht auf der Welt."

        Splitt knirscht unter Reifen, als der Bus eine Haltestelle ansteuert, um seine Fahrgäste in die ungemütliche Kälte zu entlassen. Ein leichter Dieselgeruch hängt noch in der Luft, während die beiden darauf warten, die Strasse überqueren zu können.

        "Das klingt ja so, als ob du meinst, ich würde darauf bestehen, dass er in mich verliebt zu sein hat, damit wir uns weiterhin treffen können. Das stimmt aber so nicht. Dass er in mich verliebt ist, habe ich ohnehin gespürt und er muss es mir nicht mit Worten sagen. Es hat mich einfach nur verletzt zu hören, dass er seine Gefühle mir gegenüber plötzlich in Frage stellt - da habe ich mich einfach zurückgewiesen gefühlt. Aber nachdem was du gesagt hast, glaube ich, dass ich mich tatsächlich in seinen Worten verharkt habe, da es mir schwer fällt zu verstehen, warum er plötzlich darüber nachdenken muss: verliebt - ja oder nein? Vielleicht habe ich seinen Worten zuviel Gewicht gegeben, als ich mir überlegt habe, ihn vorerst nicht mehr zu sehen."

        "Vielleicht stimmt ja auch Deine Entscheidung - ich empfehle dir nur, dir bewusst zu sein, für was du dich entscheidest und aus welchen Beweggründen. Ich höre jetzt von dir, dass es vor allem der Schmerz der Zurückweisung war, der dich zurückzucken ließ. Wenn dir die Schmerzfreiheit wichtiger ist als das, was du mit ihm immer noch erleben könntest - dann bleibe bei deiner Entscheidung, ihn nicht mehr zu sehen ..."

        "Halt, warte! Ich hatte es mir nur überlegt und noch nicht entschieden, ihn nicht mehr zu sehen. Es war nur ein erster starker Impuls und dazu kamen die Ratschläge anderer. Entscheidung klingt so unantastbar, unveränderlich. Ich war nur sehr unsicher und darin offen für verschiedene Ratschläge und Sichtweisen."

        "Dann hatte ich dich falsch verstanden. Aber selbst wenn du dich noch nicht entschieden hast -

        das ist ein wichtiger Punkt: Wie gehen wir mit den inneren und äußeren Impulsen um, wenn wir eine folgenreiche Entscheidung treffen müssen? Woran orientieren wir uns? Was wollen wir hinnehmen, und worauf bestehen? Erinnerst Du dich an das Schilf, das wir gestern bei unserer schönen Wanderung auf den Schäreninseln gesehen haben? Architekten, die sich in der Kunst üben, immer höhere Türme zu entwerfen, haben begriffen, welch ein Wunderwerk der Natur solche Schilfhalme sind. Im Vergleich zu menschlichen Bauwerken sind sie - relativ zu ihrer Größe - erstaunlich stabil, wenn man bedenkt wie hoch gewachsen und dünn sie sind. Ihre Weisheit zeigt sich mir in ihrem Spiel mit dem starken Wind, der hier über die Schäreninseln hinwegfegen kann: ihre erstaunliche Biegsamkeit, mit der sie sich den Kräften der Natur hingeben und doch ihre Form behalten, ohne zu brechen. Wären sie ganz starr, würden sie abknicken. Ohne innere Struktur wären sie nur ein Staubhaufen, der sofort seine Form verlieren und in alle Himmelsrichtungen verstreut würde. Dieses Prinzip findest du überall. Brücken, die nicht schwingen können und nicht beweglich gelagert sind, bekommen bald Risse und stürzen ein, aber zu nachgiebig dürfen sie auch nicht sein, um ihre Funktion noch erfüllen zu können.

        Für den Erfolg des Seglers auf dem weiten Meer ist sein unerschütterliches Vorhaben, seinen Bestimmungsort zu erreichen und das Wissen um die Koordinaten seines Kurses unerlässlich. Mit seinen Segel jedoch passt er sich so gut wie möglich Wetter, Wind und Wellengang an. Ein starres, nicht bewegliches Segel wäre sein Untergang, aber seine Segel nur wie eine Fahne nach dem Wind richten, würde ihn auch nicht ans Ziel bringen. Es geht also um beides: die Treue zu eigenen Werten und Anpassung an das im Augenblick Gegebene.

        Und deshalb ist meine Antwort auf deine Frage, ob es nicht das Beste wäre, keine Erwartungen im Leben zu haben: Starre Erwartungen, die zu einem Korsett werden, in welches das Leben gefälligst zu passen hat - die würde ich tatsächlich lassen. Ansonsten läufst du Gefahr, den Strom des Lebens zu verpassen, weil du ihm nur das Nadelöhr deiner eigenen engen Erwartungen anbietest - übrig bleibt allenfalls ein Rinnsal, an dem du nur noch tröpfchenweise deinen Lebensdurst stillen kannst - wenn überhaupt noch etwas zu dir durchdringt. Aber was die Erwartungen betrifft, die von deinen ganz persönlichen Lebenszielen und Werten, die dir heilig sind, herrühren - die würde ich mir bewahren, denn sie sind ein wichtiger Kompass und Motor zugleich für dein tägliches Handeln und Entscheiden. Ohne sie machst du dich zum Spielball äußerer Kräfte sowie deiner eigenen Befürchtungen und Sehnsüchte. So wie die innere Struktur den Schilfhalmen erlaubt, auch bei kräftigem Wind nicht abzuknicken, so helfen uns klare Werte und Prinzipien, den mitunter starken Kräften des Lebens zu begegnen. Das ist für mich übrigens eine wichtige Vorraussetzung für ein gelungenes Leben: unsere eigenen inneren Werte entdecken, die uns Orientierung und Halt geben und uns immer wieder mutig dem hingeben, was sich unserer Kontrolle entzieht und dem wir uns doch nicht entziehen können - auch wenn es manchmal Angst macht."

        Vater und Tochter sind angekommen. Die Tochter schließt die Tür zu ihrer kleinen feinen Wohnung auf. Wärme empfängt die beiden.

        "Aber weh tut es trotzdem!".

        "Ja, das ausserdem. Ich weiss."

        "Und jetzt bereite ich uns schon mal den frischen Lachs zu. Ich bin nämlich hungrig. Oder wie sieht's mit dir aus - willst du noch warten?"

        Ingo Heyn

        Februar 2008
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         Fussnoten 

        1. Essay Nr. 5: Über den Umgang mit singenden Drachen



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