Über die Unmöglichkeit, einen Keks zu essen und ihn weiterhin zu besitzen

<<     Essay Nr. 7    >>



        Eine Antwort ist wie ein Fenster zum Himmel.
        Wenn die Vorhänge zurückgezogen sind,
        siehst du ein Stück Himmel.
        Wenn das Fenster rund ist,
        siehst du ein rundes Stück Himmel,
        wenn es quadratisch ist,
        siehst du ein quadratisches,
        wenn das Fenster rechteckig ist,
        ist auch dein Himmel rechteckig.
        Doch wenn du nach draußen gehst,
        hat der Himmel keine Form mehr,
        er umfasst den gesamten Raum."

        Daniel Odier, aus "Brief an Eleonore"





        Ich staune. Das Phänomen "Leben" fasziniert mich. Die Tatsache, dass es uns, ja dass es überhaupt etwas gibt, ist für mich immer wieder ein Wunder, das sich mit meinem Verstand nicht wirklich begreifen lässt. Lebensformen lassen sich in einer ersten Annäherung messen, zählen, analysieren, klassifizieren und mit Etiketten versehen. Wir können sie mit immer feineren Instrumentarien in ihren ungemein komplexen chemischen Mechanismen immer detaillierter untersuchen, beschreiben und auseinander nehmen. Aber das Wunder des Lebens und des Daseins überhaupt lässt sich - so scheint mir - mit der Kraft unseres um Verständnis ringenden Geistes nicht wirklich begreifen. Mir jedenfalls gelingt das nicht. Für ein wirkliches Eintauchen in dieses Wunder ist mein Verstand nicht gemacht. Warum eigentlich nicht? Ich erkläre es mir so: Die Voraussetzung für verstandesmäßiges Begreifen ist unsere Fähigkeit und Neigung, Unterscheidungen vorzunehmen. Und mit der ersten Unterscheidung, die ich vornehme - die Unterscheidung zwischen "Ich" und "Nicht-Ich" - bin ich schon in die Falle getappt, die mich darin hindert, in das Wunder des Seins einzutauchen - aber warum?


        Im Anfang ist der Unterschied

        Wahrnehmen heisst unterscheiden[1]. Der Wahrnehmende unterscheidet zwischen diesem und jenem: Dieses ist ein Tisch und alles im Wahrnehmungsfeld nicht. Zum Beispiel sah ich neulich eine Dokumentation über einen Blinden, der im Rahmen eines Forschungsprojektes einen so genannten Neuro-Chip in die Netzhaut implantiert bekam, um seine Sehkraft zumindest zu einem Bruchteil wieder herzustellen. Anschließend fand ein Test statt. Er war in einem abgedunkelten Raum, in dem es nur eine einzige helle Lichtquelle gab und seine Aufgabe war, im Beisein des gespannt abwartenden Forschungsteams diese Lichtquelle zu orten. Es war berührend und beeindruckend, wie er mehrere bange Sekunden lang sich um seine Achse drehte, suchend, als ob er unsichtbare Fühler ausstreckte, bis er schließlich eindeutig in die richtige Richtung zeigte. "Da ist sie!". Er war wieder fähig, die scheinbar simple Unterscheidung zwischen Hell und Dunkel machen zu können.
        Wenn alles in der Welt blau wäre, ich könnte mir der Farbe Blau nicht bewusst sein. Das bewusst Wahrgenommene muss entweder im Kontrast zu etwas anderem im Wahrnehmungsfeld sein (nicht alles in der Welt ist blau) oder im Kontrast zu einer früheren Wahrnehmung, die noch erinnert wird. So wird mir in der Regel erst dann bewusst, dass ich bisher keine Kopfschmerzen hatte, wenn ich plötzlich welche habe.


        Ich und Nicht-Ich

        Bewusste Wahrnehmung basiert also auf der Fähigkeit, im stetigen Strom der Sinneseindrücke Unterscheidungen zu treffen. Und eine ganz fundamentale Unterscheidung, die die meisten von uns ein Leben lang aufrechterhalten, ist die Unterscheidung zwischen Wahrnehmenden ("Ich") und dem Wahrgenommenen ("Es" oder "Du"), zwischen Subjekt und Objekt, zwischen "Ich" und "Nicht-Ich". Solange ich also versuche, das Wunder des Lebens zu beschreiben und zu erklären, distanziere ich mich als wahrnehmendes "Ich" vom Rest der Welt "da draußen", degradiere somit das Wunder zum Objekt meiner Wahrnehmung - und trenne mich selbst von ihm ab, in dem ich mich in die Rolle des Beobachters zurückziehe. Ich entscheide mich, außen vor zu bleiben. Um aber in das Wunder ganz einzutauchen, muss ich diese Trennung - also die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt - aufgeben. Das setzt voraus, dass ich auf meine reflektierende bewusste Wahrnehmung verzichte und auch lieb gewonnene Werkzeuge meines Verstandes wie Worte, Gedanken, Konzepte, ja sogar mich selbst zurücklasse, mich selbst vergesse. Das kann Angst machen, haben wir doch seit unserer Geburt eine lange Entwicklung durchlaufen, um ein zunehmend eigenständig denkendes Ich zu werden, haben darum gerungen, Kontrolle über unseren Körper und unsere Umwelt zu gewinnen. Wenn ich meinen Kindern die Windeln wechsele, dann ist für mich unmittelbar erfahrbar, dass sie noch ein gutes Stück Lebensweg in diese Richtung vor sich haben.


        Gut und Nicht-Gut

        Aber wozu überhaupt Unterscheidungen treffen? Wozu hat uns die Evolution des Lebens mit dieser Fähigkeit ausgestattet? Vermutlich, weil es für uns als sterbliche Organismen wichtig ist, Ereignisse in einer nährenden und zugleich gefährlichen Welt möglichst bald einschätzen zu können: Ist etwas für meine materielle Existenz gut oder bedrohlich? Wahrnehmung ist also immer auch mit einem Werturteil verbunden: gut oder nicht gut, und zwar in Bezug auf meine Bedürfnisse und meine Ziele - Wahrnehmung ist insofern immer subjektiv gefärbt, immer durch die Brille der Bedürfnisse des Wahrnehmenden zu sehen, immer gefiltert. Dies im Hinterkopf zu behalten hat sich für mich im Umgang mit Konflikten als hilfreich erwiesen, denn dort gibt es meist ein Gerangel um unterschiedliche Wahrnehmungen, einen unnötigen Kampf um die scheinbar objektive Wahrheit. Die "Entknotung" eines Konfliktes gelingt meist erst, wenn offen über die zugrunde liegenden Bedürfnisse gesprochen wird (siehe hierzu meinen Essay Nr. 5: "Über den Umgang mit singenden Drachen"[2]).


        Der Moment des Scheiterns: "Ha! Jetzt kann ich's!"

        Wenn ich versuche, einen neuen komplexen Rhythmus auf der Djembe, einer afrikanischen Trommel, zu erlernen, gibt es diesen magischen Augenblick, in dem er mir zum ersten Mal gelingt, aber dann setzt häufig zunächst mal mein Denken wieder ein. Zum Beispiel denke ich dann: "Ha! Jetzt kann ich's!" - und schon bin ich wieder raus gefallen, stolpern meine Hände, eben noch selbstvergessen den neuen Rhythmus spielend, über meine dazwischen funkenden Gedanken. Später, wenn ich genügend geübt habe und meine Hände ihn wie von alleine spiele, lassen sie sich nicht mehr durch meine Gedanken stören, kann ich mich sogar während des Spielens mit jemandem unterhalten, aber nur deshalb, weil sich das Können automatisiert hat, sich dem Zugriff meiner Gedanken entzogen hat - begreifen kann ich das rhythmische Geschehen meiner Hände dann nicht mehr mit meinem Verstand. Ich spiele nicht mehr, sondern "Es" spielt, Körper und Rhythmus sind eine fließende Einheit geworden. Um ihn jetzt jemandem zu erklären, müsste ich mir selbst wieder zuhören, meine Hände beobachten und analysieren, was sie tun, um in Worte oder Noten fassen zu können, in welcher Abfolge ich welche Schläge spiele. Aber dies ist dann kein Spielen des Rhythmus mehr, sondern eine Analyse, die den Zauber der Musik verhindert, solange sie währt: Wo "Ich" bin, ist ungehindertes Fließen und Verbundenheit mit dem Ganzen gestört, ja unmöglich.

        Fassen wir zusammen: Die Existenz des Ich's setzt also eine Unterscheidung voraus, gefolgt von einer Identifikation mit einem der Teile, in die ich das Ganze geteilt habe: Ich und Nicht-Ich. Dazu kommt noch ein Werturteil: Gut und Nicht-Gut. Für mich ist der Akt der Ich-Werdung im Wesentlichen eine Schrumpfung des Bewusstseins, das sich nur noch mit einem Bruchteil des Ganzen identifiziert. Nicht selten nimmt es dann noch eine Abwertung des Einen oder anderen vor - entweder wertet es den Teil ab, mit dem es sich identifiziert (das Ich, das ist dann der Eingang in die Depression) oder es wertet den Rest der Welt bzw. die anderen Ichs ab - das ist dann der Narzissmus, die Selbstverherrlichung.

        Mit diesen Überlegungen will ich jedoch keineswegs behaupten, das Ich sei an sich ein Problem und wir sollten schleunigst alles daran setzen, es loszuwerden. Ich will nur auf den Preis aufmerksam machen, den wir zwangsläufig zahlen müssen, je nach dem, wie wir uns entscheiden. Der Preis für das verstandesmäßige Erfassen der Welt: wir bleiben mit unserem begreifenden Verstand außen vor, erleben uns als getrennt. Der Preis für das Eintauchen in das Wunder des Seins: wir müssen auf die "Ich"-Erfahrung, das verstandesmäßige Erfassen verzichten, was immer auch von uns einen Verzicht auf die Illusion der Kontrolle, der Sicherheit, der Klarheit und der Eindeutigkeit verlangt ("Ich weiß nicht mehr, was Sache ist, woran ich bin, was ich zu erwarten habe, ...") - so was kann einem zunächst Angst machen. In dem spannend geschriebenen Buch "Das Tor des Erwachens" von Jack Kornfield berichten erfahrene Lehrer unterschiedlichster spiritueller Traditionen (Christentum, Buddhismus, Sufismus, Zen, etc...) von solchen Momenten plötzlicher Angst und Verwirrung. Aber davon sollte man sich nicht voreilig abschrecken lassen, denn es ist nur die Schwelle, über die man schreiten muss, wenn man sich durch dieses Tor ins Leben, die Liebe und die Leidenschaft fallen lassen will. Interessanterweise ist das Wort "Tor" ja auch eine alte Bezeichnung für einen "Verrückten", und tatsächlich kann einen an dieser Schwelle die Angst beschleichen, den Verstand zu verlieren[3].

        Mich persönlich reizt beides: die Kraft der Gedanken bündeln, um etwas bewusst zu begreifen und in Worte zu fassen - ansonsten wäre dieses Essay nicht entstanden - und das mich selbst vergessende Eintauchen ins Leben - beides lässt sich üben und genießen. Allerdings scheint es so zu sein, dass wir nicht beides zugleich zu können. Dieses Dilemma scheint mir mit der Situation eines Astronauten vergleichbar, der in seinem Raumschiff die wärmende Sonne umrundet, Notizen seiner Wahrnehmungen macht bzw. die Aufzeichnungen seiner Messinstrumente analysiert und Landkarten anfertigt, wohl wissend, dass ein wirkliches Eintauchen in das Objekt seiner Betrachtungen die Auflösung seiner selbst kosten würde. Oder anders ausgedrückt: Ich kann einen Keks entweder essen oder besitzen, aber nicht beides gleichzeitig[4].

        Zum Schluss noch eine kleine Zen-Geschichte:[5]

        Joshu fragte Nansen: "Was ist der Pfad?"
        Nansen sagte: "Das tägliche Leben ist der Pfad".
        Joshu fragte: "kann man das studieren?"
        Nansen sagte: "Wenn du es versuchst, es zu studieren, so bist du fern davon."
        Joshu fragte: "Wenn ich es nicht studiere, wie kann ich dann wissen, ob es der Pfad ist?"
        Nansen sagte: "Der Pfad gehört nicht der Welt der Wahrnehmung an, noch gehört er der Welt der Nicht-Wahrnehmung an. Erkenntnis ist eine Täuschung, und Nicht-Erkenntnis ist sinnlos. Wenn du den wahren Pfad jenseits aller Zweifel erreichen willst, so versetze dich in dieselbe Freiheit, wie der Himmel sie hat. Du wirst sie weder gut noch nicht-gut nennen".
        Bei diesen Worten wurde Joshu erleuchtet.


        Ingo Heyn

        März 2008
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         Fussnoten 

        1. Siehe Gregory Bateson ("Geist und Natur. Eine notwendige Einheit", 1984) und Spencer Brown ("Laws of Form", 1979) für eine ausführliche Erläuterung dieses fundamentalen Prinzips der Wahrnehmung.

        2. Essay Nr. 5: Über den Umgang mit singenden Drachen

        3. Ludwig Wittgenstein, ein bedeutender österreichisch-britischer Philosoph, hat die berühmte Feststellung getroffen: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt". Wenn das stimmt, dann müssen wir unsere Sprache und damit auch unseren analysierenden, begreifenden Verstand zurücklassen, um den Rest der Welt zu erkunden. Es ist dann aber auch nicht mehr "meine" Welt. "Mein" und "dein" macht jenseits dieser Grenze, von der Wittgenstein spricht, keinen Sinn mehr.

        4. Frei nach dem englischen Sprichwort: "You can't have your cake and eat it too".

        5. Aus dem Buch: "Ohne Worte - ohne Schweigen" von Paul Reps, 1989.



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