Sein. Und Wirken.

<<     Essay Nr. 17    >>



        Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
        dem Wege, den ich kaum begann, voran.
        So fasst uns das, was wir nicht fassen konnten,
        voller Erscheinung, aus der Ferne an -

        und wandelt uns, auch wenn wir's nicht erreichen,
        in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
        ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen ...
        Wir aber spüren nur den Gegenwind.

        Rainer Maria Rilke, Spaziergang


        Der Tanz ist das Ziel des Tanzes.
        Der Tanz entsteht durch das Tanzen.
        Die Buddhisten sagen:
        "You lay a path by walking it!"
        Der Weg ist nichts Ewiges und
        von vorneherein Festgelegtes,
        er entsteht im Moment des Gehens,
        im Augenblick der Bewegung.

        Heinz von Foerster




        Sein.

        Ich laufe. Wenn ich nicht beruflich unterwegs bin, eine Strecke, die mich in einem grossen Bogen durch einen Wald führt. Sie ist mir Heimat geworden. Während meine Beine mich wie alleine über die Feldwege tragen, kann ich den Tag in mir nachklingen lassen und meine Sinne öffnen für die Welt, den Wald, die Vogelstimmen im Frühling, den kalten Wind im Winter, die kühlen Regentropfen, die Sonnenstrahlen, das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, kann riechen die süßliche Würze von herbstlichem Laub oder die schwere Frühlingssüße von sattgelbem Raps, den mir heute ein leichter Frühlingswind entgegenweht, in der Ferne das Bellen von Hunden aus einem Tierheim. Laufe ich oder meine Beine?

        Meine Laufstrecke führt mich mit einer langen Steigung durch einen Wald, der mich tief in sich einatmet, eine Weile in sich trägt und dort wieder ausatmet wo Felder auf einer Anhöhe den Waldrand säumen. Dort eröffnet sich mir dann immer wieder das selbe Panorama, das mich dankbar sein lässt für mein Leben: Die langgezogene Kette des Jura, die sich vor meinen Augen nach Westen erstreckt und in eine Weite mündet, die sich meinem Blick entzieht. Es ist die selbe Perspektive auf die selbe Landschaft und doch ist es jedes Mal ein ganz anderes Bild. Seit vielen Jahren schon laufe ich diese Strecke. Ungezählte Male bin ich unter den Baumkronen aus dem schattigen Dunkel des Waldes hinaus auf den Feldweg gelaufen, der mich an sanften Hügeln vorbei auf die Landstraße führen wird. Manchmal ist der Jura verborgen hinter tief hängenden Wolken, manchmal in abendliches Sonnenlicht getaucht, dann wieder ziert ein winterliches Puder zart sein Plateau, an kälteren Tagen reicht das Weiß bis in unser Tal hinab.

        Ich könnte fortfahren, die vielfältigen Variationen dieses Ausblicks, all diese Stimmungen und Farben zu beschreiben, die Großartigen und die ganz Unscheinbaren, aber mir geht es um etwas anderes. Etwas, das mich angesichts all dieser Pracht und Vielfalt erstaunt. Fast könnte es mir entgehen – und das tut es auch häufig. Aber heute habe ich es wieder bemerkt. Etwas ist immer gleich. Stetig. Einfach da. Ich bin es nicht. Ich bin jedes mal ein wenig älter, trete mit unterschiedlichen Gedanken und Stimmungen aus dem Wald. Und doch ist etwas immer gleich. Stetig. Einfach da.

        Ich erinnere mich an ein frühes Kindheitserlebnis. Ich sitze auf einem Schlitten und werde von jemandem nach Hause gezogen. Ein großer Hund kommt auf mich bellend zu gerannt. Ich habe Angst. Sein Kopf überragt meinen. Mir geschieht nichts. Mehr erinnere ich nicht. Es war ein völlig anderes Leben. Und doch verbindet mich eine endlose Reihe gelebter Sekunden mit damals, von der keine so verschieden von ihrer Vorgängerin war, dass ich hätte sagen können: Jetzt bin ich ein Anderer. Damals: Große Menschen um mich herum, ich selbst noch klein. Vielleicht drei Jahre alt. Aufschauend. Wahrnehmend ohne viel Gedanken dazu. Es ist Jahrzehnte her. Und doch verbindet dieses Unveränderliche mein Damals auf dem Schlitten mit meinem Heute am Waldrand. Umfängt es. Nimmt das Fließen der Welt wahr. Ein stummer Zeuge in mir, der einfach wahrnimmt. Immerzu. Einfach so. Es tut nichts zur Sache, ob ich Kind bin oder erwachsen. Ein Gewahrsein dessen was ist und gerade wird und vergeht. Dieser Zeuge ruht im Sein. Er ist nicht das Bündel aus Impulsen, Hoffnungen, Sorgen und Sehnsüchten und vertrackten Gedankengängen, mit denen ich mir meinen Weg durchs Leben bahne. Er ist einfach der Bewusstseinsraum, in dem alles geschieht. Bin ich dieser Bewusstseinsraum? Oder sind wir es?

        Wirken.

        Ich vergesse dieses unveränderliche Gewahrsein immer wieder und tauche ein in die Welt der schnellen Geschehnisse, wie ein Träumer auf der Flucht, der vergisst, dass er eigentlich im Bett liegt und dem nächsten Morgen entgegenschläft. In diesem Lebenstraum folge ich Spuren und hinterlasse Spuren, helfe durch mein Laufen, dass Waldwege noch ausgetretener und gefestigter werden. Ich bin nicht nur Besucher in dieser Welt, ich bin auch Mitgestalter mit meinen Schritten, mit meinem Wirken, wenn auch die Spuren sich schnell mit denen vieler anderer mischen und schon bald keiner mehr bestimmen kann, wer was bewirkt hat. Aber dort, wo vor vielen Jahren noch kein Waldweg war zwischen den beiden Forstwegen, da ist heute ein kleiner Pfad, genau da, wo ich immer all die Jahre die Abkürzung genommen habe durch wild gewachsenes Gestrüpp. Offensichtlich nicht nur ich, denn ich hinterlasse keine Pferdehufspuren, die ich dort inzwischen auch immer wieder vorfinde.

        Ich bahne mit meinen Spuren wohl auch neue Pfade – obwohl, war ich wirklich der Erste oder folgte ich selbst schon schwachen Spuren ohne es zu merken? Ich verfestige bestehende Wege, indem auch ich sie wieder benutze. Dabei war ich immer stillschweigend davon ausgegangen, dass ich auf diese Weise nicht wirke. Ich dachte statt dessen: Wenn viele andere schon diesen Weg gegangen sind, macht es keinen Unterschied, wenn ich ihn auch noch gehe. Wenn irgendwo schon Müll liegt, warum nicht meinen noch dazu tun, es macht doch keinen Unterschied mehr. Wenn nicht ich, dann tut’s doch jemand anders. Oder macht es doch noch einen Unterschied? Immerhin ein Mensch weniger, der den ausgetretenen Weg mit seinem Gewicht noch verfestigt und versäumt, mit seinem Wandeln abseits des Üblichen frische Spuren zu legen aus denen vielleicht einmal neue Pfade werden – in eine schönere Welt.

        Sein. Und Wirken.

        Was wäre, wenn es gar nicht mein Bewusstseinsraum ist, in dem alles geschieht. Sondern unser aller?

        Erstaunlich, beides wahrzunehmen: Das unveränderliche Sein. Und mein vergängliches Wirken. Manchmal erschreckt es mich auch, und manchmal erfüllt es mich mit tiefer Dankbarkeit. Häufig vergesse ich es, zum Beispiel während ich tanke, oder das Streiten meiner Kinder mich stört, ich in der Schlange an der Kasse stehe oder gerade die Steuererklärung vorbereite. Aber heute habe ich mich wieder daran erinnert. Als ich nach dem Laufen mit dem Fahrrad über die Felder heimwärts fuhr, mir frischer feiner Nieselregen ins Gesicht wehte, die untergehende Sonne hinter mir. Vor mir erstreckte sich ein Regenbogen in vollendetem Halbkreis wie ein Tor hoch in den Himmel. Und da war noch ein zweiter, wie ein Zwillingsbruder, etwas schwächer, – über den beiden graue Wolken, von abendlichen Sonnenstrahlen rötlich umsäumt, unter ihnen unsere nassfrische Erde mit ihren Pfaden und Wegen und Autobahnen, dazwischen Grün. Weit und offen das leuchtende Tor. Eine einzige Einladung einzutreten. Bis ich zu Hause ankam blieben die beiden Regenbogenbrüder, scheinbar immer nur wenige hundert Meter entfernt und doch unerreichbar, egal wie schnell ich fuhr, denn sie wanderten mit mir. Eine optische Illusion, sagte mir mein Verstand; aber es war nur mein Verstand.

        Ingo Heyn, Mai 2013

        P.S: inspiriert durch Singer, Michael, A.: Die unbändige Seele, Edition Spuren, Bern, 2013. Originaltitel: The untethered soul, the journey beyond yourself, 2007.







        weiterleiten / empfehlen:

        Twitter logo  Facebook logo  Google logo  LinkedIn logo  Google+ logo  Xing logo