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Das Tun und das Nicht-Tun
Das Tun und das Nicht-Tun

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Als ich in meiner Jugend Schlagzeugspielen lernte - inspiriert durch ein faszinierendes Schlagzeug-Solo auf einem Schulfest ? glaubte ich während einer längeren Zeit des mühsamen Erlernens der Technik, es käme darauf an, möglichst präzise und vor allem mit dem richtigen Tempo und dem richtigen zeitlichen Abstand Trommelschläge zu setzen, in der Hoffnung, das Wesen des zu erlernenden Rhythmus auf diese Weise zum Leben zu erwecken. Weit gefehlt. Trotz zunehmend ausgefeilter Technik und richtigem Tempo blieben meine Versuche eine gut gemeinte Ansammlung richtiger Töne ohne Sinn, klangen die Rhythmen wie ein vorgelesener Text, bei dem der Zuhörer das Gefühl hat, dass der Vorlesende kein Wort von dem versteht, was er da vorliest.

Der Zauber des Rhythmus entfaltete sich für mich erst, als ich die Konzentration auf das richtige und perfekte Setzen der Schläge aufgab und begann, auf die Spannung, die in der Stille zwischen zwei Schlägen entsteht, zu lauschen. Ich entdeckte, dass wirklich lebendiger Rhythmus nicht die möglichst effiziente Aneinanderreihung von Trommelschlägen, sondern die spielerische Aufteilung der Stille in spannende Phasen des Nicht-Tuns und Lauschens ist. Für den Zuhörer verschmilzt dieses Tun und Nicht-Tun des Musikers natürlich zu einem Ganzen, dessen Bestandteile er ähnlich schwer auseinander halten kann wie die einzelnen Gewürze einer wohlschmeckenden Mahlzeit. Mit dem Mut, einfach zu lauschen und mich von dem inspirieren zu lassen, was in der Stille sich entfaltete, entwickelte ich auch eine Lust, mich überraschen zu lassen von dem, wohin der Rhythmus mich tragen würde, wie er sich im Zusammenspiel mit anderen Musikern entwickeln wollte.

Das gleiche Prinzip gilt für mich auch für das Tun und Nicht-Tun in der Arbeit mit Menschen und Organisationen: Nicht so viele und richtige und effiziente Interventionen wie möglich, sondern die Kunst, nach einer kraftvollen Intervention das Nicht-Tun zu wagen und zu lauschen und zu schauen, was sich entfaltet, verändert, zum Ausdruck drängt und welche Richtung für das weitere Tun deutlich wird. Wer es einfach richtig und perfekt machen will fürchtet meist die Stille, denn man könnte ihr oder ihm den Vorwurf machen, sich für das Nicht-Tun bezahlen zu lassen (was übrigens auch stimmt) ? oder fürchtet das, was im Schweigen deutlich wird: die Angst der Menschen, die Themen anzusprechen, die wirklich im Argen liegen oder die Einsicht, es ist genug gesagt oder die Würdigung der Wucht einer gerade erfahrenen überraschenden Information, um nur drei Möglichkeiten von vielen zu nennen.

Das Nicht-Tun ist neben dem Tun ein wesentlicher nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Arbeit mit Menschen, unseres Lebens überhaupt. Und da fällt mir ein, was Bert Hellinger hierzu einmal angemerkt hat: Das Lassen ist etwas, bei dem man nichts tun muss, und trotzdem ist es anstrengend.